Wichtig und anregend bleibt, was Moser erneut betont: daß viele späterhinals ,, Volksüberlieferungen" bezeichnete Lieder und Sagen eigentlich der kate-chetischen Literatur der mittelalterlichen Kirche angehörten, daß sie sonst unbe-greifliche Sätze über Reue und Buße möglichst kraẞ verdeutlichen sollten unddaß die Orden, und zwar alle möglichen Orden, wohl auch die Franziskaner,dabei eine recht wichtige Rolle gespielt haben müssen. Für die Gegenreforma-tion läßt sich das vielfach nachweisen. Inwieweit man auch im Spätmittelalterdie Volksmission in dieser Weise handhabte, ist kaum zu erschließen. Mosermeint in ganz komprimierter Formel einmal von diesen Geschichten( S. 56):,, Es handelt sich um ein katholisches Exempel zur Rechtfertigungslehre, wiesolche in ähnlicher Gestalt noch mehrfach zur Glaubensverbreitung benutzt wur-den." Das bleibt der Grundtenor, auch wenn manche Wortwahl, mancheDefinition des öfteren wechselt oder erst nachträglich zu rechtfertigen versuchtwird. Das gilt ja schon für den Titel des Buches: Tannhäuser" war bisherimmer eine Sage; nunmehr soll es laut Buchtitel eine Legende sein, wobei Moseraber selbst zugibt, daß diese Bezeichnung„ grundsätzlich der Beschreibung desLebens heiliger Personen vorbehalten bleiben" solle( S. 55, 118). Aber Tann-häuser, wahrhaftig kein Heiliger, wird noch in der gleichen Anmerkung erhöht:Er spreche hier von einer Legende, nicht Sage im Hinblick auf ihre offenbareAbhängigkeit von einer Legende des Johannes- Chrysostomus- Typs, wie sie imProsa- Passional vorliegt". Diese„ Waldbüßer"-Episode hat es Moser so sehrangetan, daß er S. 94 sogar eine direkte Gegenüberstellung versucht: vom,, Zölibatsgelübde" an( das sich für Tannhäuser nun freilich gar nicht nachweisenläßt) bis zum Zeichen der Erlösung. Kernstück ist in beiden Fällen die Abwei-sung durch den Papst. Das ausschlaggebende Moment beim„, Waldbüßer”, näm-lich der vermeintliche Mord an der Geliebten" fehlt bei Tannhäuser selbstver-ständlich vollkommen. Man kann hier nur resigniert feststellen: Es handelt sicheinfach um eine andere Geschichte, und die Möglichkeit, daß die vielleichtschon im 14. Jahrhundert bekannte„ Waldbüßer"-Legende eine Art von Vorlageder Tannhäuser- Sage, wie sie in der Ballade des späten 15. Jahrhunderts aus-geformt erscheint, ist, soweit ich diese Beweisführung überblicken kann, gleichNull.Soviel tiefgründige Überlegung also in dem Buch steckt, soviel hier zueiner stärker geistesgeschichtlichen Bewertung von Sage und Ballade auch getanerscheint, in der Hauptsache erscheint mir die Untersuchung verfehlt.
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Leopold Schmidt
Karl Linker, Stadt unter der Schellen kappe. Geschichte derFrankfurter Fastnacht. Frankfurt 1977, Stadtsparkasse Frankfurtam Main. 132 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.
Seit etwa einem Vierteljahrhundert hat sich die Masken- und Fastnachts-forschung in Deutschland, aber auch darüber hinaus, gründlich geändert. Wäh-rend vorher fast nur die ländliche und kleinstädtische Brauchgestaltung derFaschingszeit Aufmerksamkeit erregte, wuchs nunmehr das Interesse an den jain Wahrheit sehr dominierenden städtischen Veranstaltungen. Einen nicht gerin-gen Anteil an dieser wachsenden Anteilnahme haben zunächst Rundfunk undspäterhin Fernsehen gehabt. Was man jedes Jahr zu Hause am Fernsehapparatsehen konnte, das mußte doch schließlich auch der mitunter unbegreiflichzurückhaltenden Fachforschung auffallen. Die Generation, der Großstadtvolks-kunde, Gegenwartsvolkskunde einfach ein Greuel waren, zog sich ja auch all-mählich zurück. Aber die eigentliche volkskundliche Forschung war noch durch-aus nicht geschult, sich nunmehr darauf einzustellen. So sind die ersten Bändeüber städtische Fastnachtsveranstaltungen meist eher von Lokalhistorikern, even-tuell von Theaterwissenschaftlern gemacht oder doch bearbeitet worden als von
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