Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
Einzelbild herunterladen
 

Kießling, Depiny oder Brauner, Alpenburg oder Graber einstmals an Geschich-ten über geizige Grafen, grausame Raubritter, ungerechte Verwalter und ähn-liche Schreckfiguren aufgenommen haben, das wird hier ausgelesen, auch wennes sich mitunter um Wandermotive handelt, wenn man deutlich merkt, daß diegleiche Geschichte von einer und noch einer und noch einer Burg erzählt wurde,so daß gerade die Bezeichnung Historische Sagen" noch weniger zutrifft alssonst. Das müssen eben Sagen von Bauern und Bürgern im Kampf gegen Raub-ritter und Zwingherren" sein, auch wenn meist nicht die Bauern, sondern GottesGerechtigkeit die Bestrafung des angeblichen Frevlers bewirkt. Wenn von,, Unrecht, Armut und Betrug in den Dörfern und Städten" erzählt wird, so han-delt es sich meist auch um keine, historischen" Sagen, sondern um Rechtssagen,Geschichten über Rechtswahrzeichen, die vor allem im 19. Jahrhundert, als dieeigentliche Kenntnis des alten Symbolwesens erlosch, in vulgärromantischerWeise umgedeutet wurden. Als historisch" wird man am ehesten noch dieSagen Von den Bauernaufständen des 15. bis 17. Jahrhunderts" ansprechenkönnen, die allerdings zahlenmäßig recht unbedeutend sind. Für Österreich han-delt es sich dabei um einige Geschichten vom Niederösterreichischen Bauern-aufstand von 1597, für Oberösterreich um die bekannten Geschichten vomBauernkrieg von 1626, worüber in den Bauernkriegsausstellungen von 1976 undderen schönen Katalogen genugsam berichtet wurde. Schließlich gibt es nochdas Kapitel Die Entwicklung des Kapitalismus", wo der reiche und der armeBauer gegenübergestellt erscheinen, wo von den habsüchtigen Berg- und Ham-merherren, Verlegern und Aufsehern" erzählt wird, dann von Soldatenwerbungund Fahnenflucht", was wohl mit dem Kapitalismus nichts zu tun hat, schließ-lich ,, Von edlen Räubern", wobei unser Räuber Grasel nicht fehlen darf. ,, Vonantifeudalen Kämpfen handeln Geschichten, unter denen sich eine über den,, unbequemen Kronprinzen", nämlich Rudolf, findet, der seiner Zuneigung zuden armen Leuten wegen von den reichen umgebracht worden sein soll.

Bei einer beträchtlichen Anzahl dieser Sagen ließe sich heute sicherlichnachweisen, daß sie nicht dem älteren mündlichen Erzählgut angehört haben,sondern in dieses aus der Populärliteratur, aus Volksbüchlein und ähnlichenErzeugnissen mehr oder minder romantischer Art eingeflossen sind. Aber dashat die Herausgeberinnen nicht interessiert, sie kennen die Quellen nicht besserals einstmals Peuckert, dessen, Ostalpensagen" auch kein Glanzstück der Sagen-literatur darstellen. Außerdem handelt es sich hier ja überhaupt nur um Sagen,deren Erzähler ausnahmslos den im Feudalismus und Kapitalismus jeweilsunterdrückten und ausgebeuteten Gesellschaftsklassen" angehörten( S. 2), dieüberdies die Volkssage so lange als ein Mittel der geistigen Kommunikationund als gesellschaftliches Selbstzeugnis" brauchten und nutzten, wie ihre Erzäh-ler keinen oder nur einen verschwindend geringen Anteil am allgemeinen Bil-dungsniveau" besaßen( S. 2). Das deutet alles auf eine maßlose Unterschätzungder Sage als Überlieferungsgut hin, auf eine Art von geistigem Hochmut, mitdem man an diese Dinge gar nicht herangehen sollte. Aber die Ergebnisse sindja dann auch danach.Leopold Schmidt

Ebermut Rudolph, Die geheimnisvollen Ärzte. Von Gesundbeternund Spruchheilern. Olten und Freiburg 1977. Walter- Verlag. 351 Seitenmit 20 Abbildungen.

Zur Beschäftigung mit den Spruchheilern und Blutstillern, Gesundbeterin-nen, Wenderinnen und wie sie jeweils landschaftlich heißen mögen, muß manzweifellos besonders veranlagt sein. Rudolf Kriss, der sich mit so vielenGebieten des Volksglaubens beschäftigte, hat sich nur zeitweise auf derartigeMenschen einstellen können, dann allerdings sehr intensiv, wie sein offenbarvergessenes Buch Die Schwäbische Türkei"(= Forschungen zur Volkskunde,

324