Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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Davon kann man sich bei der sehr schönen Ausstellung im Nieder-Österreichischen Landesmuseum überzeugen, die zum ersten Maleinen Überblick über die Bedeutung und Lebendigkeit des Schützenwesens inNiederösterreich gibt. Nicht nur, daß wir aus diesem Land die früheste Nach-richt von einer Schützengesellschaft in Klosterneuburg aus dem Jahr 1288 besit-zen, blieben hier auch wertvolle Bestände an bemalten Schützenscheiben erhal-ten. An erster Stelle seien die prachtvollen Scheiben aus Scheibbs genannt, diedank der Initiative von H. Jelinek in Sicherheit gebracht und restauriert wurden.Aus dem benachbarten Purgstall stammt eine Scheibe von 1618, die ältesteScheibe datiert sogar aus dem Jahr 1602 und kommt aus Stockerau, das miteiner weiteren Rarität aufwarten kann. Der Schützenverein Stockerau besitztnämlich eine Votivtafel aus dem Jahr 1655, die ,, der ehrsam meister ZachariaẞLiechtner Bürger und dischler und des K. marckht Stockerauh Ziller" aus Dank-barkeit anfertigen ließ, weil er von einem übersehenen Schuß bewahrt blieb. DieHarlekinfigur des Zielers begegnet einem bei dieser Ausstellung übrigens in denvielfältigsten Darstellungen. Wenn es sich hiebei auch in Niederösterreich nurmehr um eine historische Gestalt handelt, so vermittelt die Ausstellung dennochden Eindruck, daß das Schützenwesen im Land unter der Enns einen starkenAufschwung nimmt, der geprägt wird von der Suche nach der alten Traditionund einem spezifischen Stil, um die Schützengesellschaft wieder als etwas Beson-deres erscheinen zu lassen. Eine Fülle von gegenständlichen Zeugnissen und vonneuen Verhaltensweisen sind das Ergebnis solcher Bemühungen. Auf diese Weiseerhält der Besucher Einblick in einen kulturellen Prozeß, der ihm sonst ver-borgen bleibt.Franz Grieshofer

Karl Manherz, Sprachgeographie und Sprachsoziologie derAkadémiai Kiadó. 282 Seiten mit 90 sprachgeographischen Karten und3 Abbildungen.

Karl Manherz ist bereits mit einigen kleinen Abhandlungen zur Sachvolks-kunde im deutschen Westungarn hervorgetreten, so daß man auch zu diesemBuch greift, das sich selbstverständlich in unserem Rahmen nicht rezensierenläßt. Aber es enthält eine sehr bemerkenswerte Einleitung, die nicht nur dieGeschichte der volkskundlich untermauerten Sprachforschung auf dem Heide-boden enthält, sondern auch eine knapp gefaßte geschichtliche Landeskunde, diedurch ihre ununterbrochenen Beziehungen zum Burgenland wichtig ist. Die Ein-leitung wie das Literaturverzeichnis zeigen, daß Manherz die Literatur recht gutkennt, freilich im wesentlichen von der Seite der in Ungarn betriebenen Ger-manistik her, wogegen ihm die Literatur zur burgenländischen Volkskunde ausden letzten 30 Jahren vollständig unbekannt ist. Aber man muß das Buch den-noch zur Kenntnis nehmen, weil es ja über manche Dinge unterrichtet, die unssonst kaum bekanntgemacht werden. So etwa, daß es einen Plan zu einemUngarndeutschen Sprachatlas gibt, der von Clemens Hutterer vorangetrie-ben wird. Oder auch, daß die Ungarische Akademie der Wissenschaften eineeigene Neusiedler- See- Kommission" hat, von deren Veröffentlichungen derBd. 3, Die Bevölkerung der Landschaft", für uns wichtig sein könnte. Er istfreilich in ungarischer Sprache erschienen und hat uns nie erreicht. Die anderenBände der Reihe sind eher naturwissenschaftlicher Art.- Das Kapitel SozialeSchichten in den deutschen Mundarten in Westungarn" ist auch für den Volks-kundler lesenswert, vor allem für den Wiener, der wieder einmal bestätigtbekommt, daß der Einfluß der Wiener Verkehrsmundart besonders in den sozialgehobenen Schichten( ,, Ganzen Bauern") maßgebend war und ist. Die Über-tragung der Beobachtung auf andere Gebiete der Volkskultur liegt nahe.Leopold Schmidt

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