Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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Man sieht, es handelt sich vielfach um Nachlese, um verspätete Veröffent-lichungen von Aufzeichnungen, die mitunter schon Jahrzehnte zurückliegen. Aberes ist doch erfreulich, daß sie nunmehr noch veröffentlicht werden können undin Riemanns ,, Jahrbuch" so gut zugänglich erscheinen.

Leopold Schmidt

Johann Kräftner, Naive Architektur in Niederösterreich. Miteinem Vorwort von Rob Krier. St. Pölten, Verlag NiederösterreichischesPressehaus( 1977). 176 Seiten, davon 130 ganzseitige Abbildungen mit einerKarte in Offsetdruck( schwarz- weiß).

Eine Gruppe junger Architekten aus Wien entdeckt die Meisterwerkebäuerlicher Baukunst", wie sie Prof. Rob Krier in seinem Vorwort bezeichnet( S. 7). Anderswo geschah dies schon früher, etwa durch Roland Rainer im Nord-burgenland( 1961), durch Raimund Abraham in den Alpen nicht allzulange vor-her; und der Amerikaner Bernhard Rudolfsky sprach von, Architecture withoutarchitects", ja von einer Architektur ohne Stammbaum"( 1964). Das Team jun-ger Wiener Architekten freilich hat sich auf das Schlagwort von der, NaivenArchitektur" festgelegt 1). Frucht seiner praktischen Arbeiten im Gelände warzunächst eine Ausstellung von Fotos vorwiegend aus dem niederösterreichischenWeinviertel, zu deren Signum man das Bild vom, Preẞhaus mit fünf unbelaubtenBäumen" aus Watzelsdorf( Abb. 121) gewählt hatte. Nun legt Johann Kräftnerdas vermutlich ergänzte Bildmaterial in einer außerordentlich schönenBuchausgabe vor.

Kräftner stellt seinen Bildern essayartige Begleittexte voran, in denen ervon der Verpflichtung dieses Erbes"( S. 9), über den Begriff der NaivenArchitektur"( S. 11 ff.) und dann über Bauwerk und Landschaft"( S. 14 ff.), über,, das Dorf als gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraum"( S. 17), das Gehöftals privaten Lebens- und Wirtschaftsraum"( S. 22) und im besonderen über die,, Wirtschaftsobjekte: Scheunen, Speicher, Preßhäuser"( S. 29) sowie über dieländlichen ,, Großbauten als Repräsentation in der Gemeinschaft"( S. 33) spricht.Lesenswert ist gewiß auch seine Schlußbetrachtung über den Tod des Leben-digen", der er Roseggers bekannten Ausspruch von den, Wohnungen des Volkesals den treuesten Verkörperungen seiner Seele" voranstellt( S. 35). Ein Verzeich-nis zu Quellen und Literatur( S. 38 f.) umgrenzt in etwa die Schaurichtung desVerfassers, dann folgen in analoger Gruppierung die ganzseitigen Bilder, dievermutlich zum Besten gehören, was man bisher an Fotos über das Bauernhausdes Weinviertels und seiner Nachbargebiete zur Hand bekommen hat.

Es ist nun gewiß erfreulich und ein Glück dazu, daß auch unsere Architek-ten und Raumgestalter derartige ländliche Bauleistungen wieder mehr beachtenund auf ihre Weise wertschätzen, gleichsam als eine ungetrübte Quelle desSchöpferischen und als eine wesentliche Dimension des Menschlichen. Das habendie Humanisten der Renaissance intuitiv vorgewiesen und meint auch noch LeCorbusier mit seiner Feststellung, daß das Studium des volkstümlichen Bauensfür den Architekten eine echte Lehre sei. Mit einiger Verwunderung freilich liestman bei Kräftner die Bemerkung( S. 11), daß es selbst den grundlegenden

1) Den Versuch einer näheren Begründung dafür aus dem Ungenügen ander bisherigen Charakterisierung ländlichen Bauens findet man bei RolandSchachel, Begriff und Physiognomie einer Naiven Architektur. In: Berichtüber die Fachtagung 1975 der. Arbeitsgemeinschaft Volkskunde/, FlurSiedlung Haus", hrsg. vom Niederösterreichischen Bildungs- und Heimat-werk. Wien 1976, S. 18-35. Johann Kräftner sieht in derlei Naivität" eine,, unbändige Kraft", verwendet den Begriff also nicht in der abschätzigen Bedeu-tung des Wortes, sondern im Sinne von angeboren, natürlich, unbefangen undunreflektiert"( S. 12).

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