Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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Literatur der Volkskunde

Günter Wiegelmann, Matthias Zender, Gerhard Heilfurth, Volkskunde.Eine Einführung(= Grundlagen der Germanistik, Bd. 12). Berlin1977, Erich Schmidt Verlag. 265 Seiten mit 11 Abbildungen im Text.

Wenn eine Einführung in unser Fach aus der Feder von drei geschätztenKollegen erscheint, dann muß man sich zweifellos damit beschäftigen. Auchwenn man weiß, daß hier das Fach nicht vollständig dargestellt werden kann,weil ein beachtlicher Teil dessen, was nun einmal zur Volkskunde gehört, schonvor zehn Jahren von Hermann Bausinger in seinem in der gleichen Reiheerschiedenen Band Formen der Volkspoesie'"( Berlin 1968) behandelt wurde.

Für diesen Band verblieben also im wesentlichen die Gebiete, Sachkultur"und Glaube und Brauch, Fest und Spiel". Auch wenn man nun die Volks-poesie dazurechnet, kommt da noch immer keine ganze Volkskunde heraus,und so schlägt man das Buch, das, dem Vorwort nach zu schließen, eine län-gere Entwicklungszeit gehabt haben muß, mit einigen Bedenken auf. Zudem",heißt es im Vorwort noch,, war er( soll heißen: es) nicht leicht, die Konzepteder drei Autoren in knappem Rahmen zu einem Ganzen zu bündeln. Diese Auf-gabe und die abschließende Redaktion übernahm G. Wiegelmann." Manwird sich also mit dem Buch einige Mühe geben müssen.

Der Aufbau scheint zunächst logisch: zuerst eine Geschichte der For-schung". Da schreibt also Wiegelmann über die Stellung des Faches",was sich im wesentlichen auf das, Wissenschaftsgefüge" an den heutigen Univer-sitäten bezieht. Dann versucht Wiegelmann eine Geschichte der Forschung im18. und 19. Jahrhundert" zu geben, was nach den Vorarbeiten von Gustav Jung-bauer und von Georg Fischer nicht allzu schwer zu sein scheint. Aber er verteiltdie Gewichte sehr rasch ungleichmäßig, geht von der Aufklärung aus und findetnicht zur Romantik. Das starke Herausstreichen von Wilhelm Heinrich Riehlüberrascht, besonders wenn ihm im folgenden Jacob Grimm gegenübergestelltwird: ein kauziger Journalist gegenüber einem Jahrhundert- Genie, das ergibtSchwierigkeiten. Wenn man da etwa lesen muß( S. 21), daß Grimm die fürWiegelmann so wichtigen Regeln wie die vom gesunkenen Kulturgut, von derKulturfixierung, von der Kulturraumforschung noch nicht gekannt habe, er hatte dafür anscheinend noch zu wenige Vorarbeiten zur Hand", so verläßtden Rezensenten für kurze Zeit die kühle Beherrschung. Aber Wiegelmann hatsich in seiner Weise schon bemüht, Leistungen des späteren 19. Jahrhunderts,wie die Bauernhausforschung oder die Museumsgründungen, wenigstens knappzu skizzieren. Anders geht Matthias Zender seine Geschichte der Forschungim 20. Jahrhundert" an. Er hat viel davon miterlebt und verleiht manchen Stel-len ein recht persönliches Gepräge. Das Hauptanliegen ist die Auseinander-setzung der Volkskunde mit nationalistischen Gedanken", wie es dies freilichschon seit dem Humanismus gegeben hat. Die Vielseitigkeit des Kapitels erlaubtauch manche Ausgriffe auf die konfessionell gebundene Forschung, die in Rhein-land- Westfalen ja ihre besondere Tradition hat. Die Forschung nach 1945 kommtdagegen ein bißchen zu kurz, vieles an tieferreichenden Untersuchungen wirdnicht berührt. Aber das Kapitel bleibt alles in allem eine gut lesbare, kritischeÜbersicht.

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