So bietet sich das Werk Kretzenbachers, wie es bisher vorliegt, wohl alsSpiegel des Wesens und Werdens eines Gelehrten im Strom unserer Zeit, getra-gen von einer starken Individualität, dar, gleichzeitig aber auch als richtung-weisender Ausschnitt aus der zielstrebigen Bemühung in der Mitte des Fach-ganzen. Ars una, species mille, möchte man manchmal mit dem alten Spruchder Künstler sagen. Von den mille species ist Kretzenbacher sicherlich eineganz besondere zuteil geworden. Aber die Ars una ist ihm dabei immer ganzselbstverständlich bewußt gewesen. Nur deshalb konnte er das Fach so wesent-lich bereichern. Die Öffentlichkeit der Wissenschaften hat das längst anerkannt.Die Bayerische Akademie hat ihn zu ihrem wirklichen Mitglied gewählt, dieÖsterreichische Akademie der Wissenschaften zu ihrem korrespondierenden imAusland, die Königliche Gustav- Adolf- Akademie in Uppsala ebenso. Man weiß,daß es viel mehr an Ehrungen nicht gibt, die einem Vertreter unseres Facheszuteil werden können. Die solchermaßen Geehrten kann man heute noch fastan den Fingern einer Hand abzählen. Der Münchner Ordinarius Kretzenbachergehört zu dieser Zahl und hat innerhalb dieser kleinen Schar jene Kontur derechten Persönlichkeit, die wir alle wohl am meisten an ihm schätzen. Deshalb:ein herzlicher Gruß an ihn an diesem seinem 65. Geburtstag.
Leopold Schmidt
Dazu die Neuerscheinung Vergleichende Volkskunde, Bibliographie Leo-pold Kretzenbacher. Aus Anlaß seines 65. Geburtstages bearbeitet und heraus-gegeben von Helge Gerndt und Georg Schroubek(= Veröffentlichungen zurVolkskunde und Kulturgeschichte 3, hrg. von W. Brückner und L. Kriss- Retten-beck), München- Würzburg 1977, DM 10.- und Versandkosten.
Die Bibliographie enthält eine ausführliche Einführung in wissenschaft-lichen Werdegang und Werk, biobibliographische Nachweise und sämtliche Ver-öffentlichungen außer den zahllosen Rezensionen. Dafür sind die vielen, reich-gegliederten Bücher inhaltlich aufgeschlüsselt und werden durch zwei großeRegister erschlossen. Dadurch ist es erstmals möglich, sozusagen mit einemGriff nicht bloß Kretzenbachers Beiträge zu bestimmten Problemen, Motivenoder Gegenständen aufzufinden, sondern für gewisse Bereiche überhaupt einenersten bibliographischen Einstieg zu finden.
Gaetano Perusini+( 1910-1977)
Von verbrecherischer Hand wurde im Juni 1977 das Leben des ordentlichenProfessors der Volkskunde an der Triester Universität, Dr. Gaetano Perusini,jäh und brutal abgebrochen. Der Verstorbene wurde der Wissenschaft, der erleidenschaftlich diente und für die er einen Großteil seiner Vitalität und seinerMittel opferte, förmlich entrissen. Nach dem Diplom aus Agrarwissenschaften( Bologna 1934) leitete er vorbildlich das geerbte große Weingut Rocca Bernardabei Cividale und pflegte auserlesene Tafelweine. Die Freizeit aber widmete ervon je dem allseitigen Studium der Vergangenheit seiner engern Heimat, desLandes Friaul, und mit dem Ertrag seines Besitzes bereicherte er beharrlichseine Sammlungen. Es war kein Steckenpferd- Kollektionismus, sondern einewohldurchdachte systematische Sammeltätigkeit für ein vorbildliches friula-nisches Volkskundemuseum. Von rund 3000 gesammelten Gegenständen übergaber etwa 2500 der Stadtgemeinde Udine in Verwahrung, die einen eigenen Palastmietete, um darin ein Museum friulanischer Volkskunst und Volksüberlieferun-gen( Museo di arti e tradizioni popolari) einzurichten. Nebenbei sei erwähnt,daß Perusini die vielleicht größte italienische Sammlung von Volksschmuck undAmuletten( etwa 4500 Stück) besaß, die nicht nur aus ganz Italien, sondern auchaus dem Balkan und aus dem Nahen Osten stammte.
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