Chronik der Volkskunde
Leopold Kretzenbacher 65 Jahre
Einem guten Freund, einem sehr profilierten Kollegen soll dieser Grußgelten: dem immer wieder jugendfrischen Leopold Kretzenbacher, dem manweder seine vielen Kinder noch seine Enkel ansehen würde, dem man aber gerndie Fülle seiner Veröffentlichungen und Vorträge glaubt.
Kretzenbacher ist am 13. November 1912 in Leibnitz in der südlichenSteiermark geboren worden. Heute steht sein Haus in der Nähe seiner Geburts-stadt und er hat von dort gerade so weit oder so nahe nach Graz, seiner Studien-stadt, wie es ihm gefällt. Daß der Weg in die Untersteiermark, aber auch nachKärnten oder nach Krain von dort denkbar kurz ist, soll für den Unkundigenbetont werden: Kretzenbacher pflegt nie lange an einem Ort zu sitzen, er wan-dert oft und gern und sein Wagen trägt ihn immer wieder nach dem Süden undnach dem Südosten. Nicht umsonst brachte schon seine erste VeröffentlichungKunde von einer Studienfahrt zu den Deutschen in der Dobrutscha, nichtumsonst führte ihn seine Gastprofessur 1943/44 nach Agram und fast selbst-verständlich war es doch, daß er den weiteren Teil des Zweiten Weltkrieges imäußersten Südosten, in Griechenland, zubrachte.
Damals war das innere Schicksal Kretzenbachers eigentlich schon längstentschieden. Er hatte in Graz studiert, Germanistik, Slawistik, übrigens auchklassische Philologie und selbstverständlich Volkskunde. Er hat dann wie meh-rere seiner gleichfalls im Fach groß gewordenen und berühmt gebliebenen Kol-legen, vor allem Hanns Koren und Oskar Moser, bei Karl Polheim auf demGebiet des Volksschauspieles dissertiert und wesentliche Erkenntnisse bei Viktorvon Geramb gewonnen. Volksglaube, Volksbrauch, Volksschauspiel, Volks-erzählung, das sind Hauptgebiete seiner damaligen wie seiner späteren Arbeitengeworden. Sein enges Verhältnis zum Südosten bekundete sich schon in seinerHabilitationsschrift über„ Germanische Mythen in der epischen Volksdichtungder Slowenen". In Ausweitung seiner Dissertation und als Ergebnis seiner Wan-derungen im Gelände seiner steirischen Heimat entstand dann sein„ LebendigesVolksschauspiel in der Steiermark", das in seiner Art eines der besten Bücherauf diesem Gebiet überhaupt geblieben ist. Damals, in den fünfziger Jahren,folgten derartige fruchtbare Aufarbeitungen geradezu Schlag auf Schlag. Es kamsein schönes Buch„ Passionsbrauch und Christi- Leiden- Spiel in den Südost-Alpenländern", mit dem endlich ein wesentlicher Schritt über die älteren Text-ausgaben hinaus getan wurde. Es kam sein„ Frühbarockes Weihnachtsspiel inKärnten und Steiermark", das die Fähigkeit Kretzenbachers zur Historisierungder Volkskunde auf dem exemplarischen Teilgebiet Volksschauspiel bekundete.Gleichzeitig auch seine Fähigkeit, manche, ja viele der mitunter schon früheraufgenommenen Fäden wieder anzuheben und neu zu verknüpfen. Das kamauch seinem schmalen Buch über die„ Weihnachtskrippen in der Steiermark"zugute, das lange vor der später so allgemein üblich gewordenen Historisierungder Krippenforschung dies für die Krippen seiner Heimat durchführte. Es waralles dieses in den Jahren erfolgt, als Kretzenbacher am Steirischen Volkskunde-museum tätig war, der durch Geramb gegründeten und sehr bewußt stilisierten
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