Die Sudetendeutsche Volkskunde seit 1918
Von Hertha Wolf- Beranek †
Das ¹) Jahr 1918/19 brachte für die Sudetendeutschen einen ganzgroßen Wendepunkt. Da sie sich seit 1526 geistig und kulturell immermehr und mehr von den Ostdeutschen gelöst und nach Wien hin aus-gerichtet hatten, bedeutete für sie die Eingliederung in den tschecho-slowakischen Staatsverband eine vollkommene Isolierung. Wenn sienational überleben wollten, dann war für sie ein vollkommenes Umden-ken notwendig, vor allem aber mußten die einzelnen sudetendeutschenStämme, die bis dahin für sich gelebt und sich nur nach Wien aus-gerichtet hatten, zueinander finden.
Die Sudetendeutschen gehören zur großen Gruppe der Ostsiedler,deren Lebens- und Schaffensbeginn in den ihnen zugewiesenen Räu-men zum Teil andere Rechts-, Wirtschafts- und manchmal auchLebensformen verlangten und schufen. Von besonderer Bedeutung warihre Stellung zwischen den Altstämmen und den Slawen. An die Spitzeder Beobachtungen muß gestellt werden, daß in Ostdeutschland, imGegensatz zu den Wohngebieten der Altstämme, die dort vorhandenekontinuierliche Einheit von geographischem Raum, Herrschaftsbereichund Sprachlandschaft, die zumindest bis zum Beginn unseres Jahrhun-derts vorhanden war, fehlte. In dem neuen Siedlungsraum hatte sichein anderes Verwaltungssystem entwickelt, das dem im Altsiedellandgeltenden Dualismus zwischen dem herrschaftlichen Richter und demgenossenschaftlichen Heimbürgen entgegenstand. Der Heimbürge warein Gemeindeoberer, der von der Gemeinde bestellt wurde, nichtaber vom Grundherrn. In Ostdeutschland war mit der Konstitutiondes Erbschulzen und Erbrichters, der das Amt des Leiters einer bäuer-lichen Gemeinde und des Richters in einer Person vereinte, eine neueRechtsform geschaffen worden. Kennzeichnend für sie ist der erblicheBesitz des Amtes in männlicher und zum Teil auch in weiblicher Linie.Wir finden sie überall dort, wo die Besiedlung mit Hilfe von Lokatorenvor sich gegangen war, also auch im Sudetenland. Um die Tätigkeit
1) Text des Vortrages, der am 27. Mai 1977 im Verein für Volkskunde inWien stattfand, wobei infolge der plötzlichen Erkrankung der Vortragenden derglücklicherweise noch zugesandte Vortragstext verlesen und mit einigen Licht-bildern unterstützt werden konnte. Wenige Wochen später wurde der inzwischenerfolgte Tod der Verfasserin mitgeteilt.
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