mäßige Schreibe- Kunst, Leipzig 1784; Abb. 12: Handgeschriebenes Schreib-meisterbüchlein eines Anonymus um 1780 in der Wiener Stadtbibliothek; Abb. 9:Josef Ambros, Schreib- und Lesefibel, Wien 1877. Das sind Geschenke andie Volkskundler. Gar nicht zu reden vom Erinnerungswert angesichts Abb. 7:Alois Fellner und Albert Mundi, Fibel nach der analytisch- synthetischenLesemethode, Wien 1913, mit den Buchstaben p und g, wenn ich noch denKommandoruf des Lehrers in der überfüllten Taferlklasse( und die wesentlichmildere Stimme der Mutter bei der Schiefertafel zu Hause) höre:„ Haarstrichaufff! Schattenstrich ab!!!"... Aber das ist schon lange her.
Hier führt K. Gladt aus seinem jahrzehntelangen Umgange mit rund200.000 Autographen( bei etwa 350.000 noch nicht aufgearbeiteten Schriftstücken)der Wiener Stadtbibliothek in Entstehung, Wandlungen und fortdauernde Bedeu-tung dieser besonderen Schrift ein. Aus seiner in der großformatigen Druck-weise dieses stattlichen Bandes von 27 mal 24,6 cm BF so angenehm lesbarenGeschichte dieser vom Hochbarock bis zur jüngsten Vergangenheit dominieren-den, als„ gotisch" seit Wulfila(+ 383) bekannten, um 900 schon zum allgemei-nen Gebrauch gestalteten Schrift geht hervor, wie sehr man der Überzeugungwar, daß sie den Lautcharakteren der deutschen Sprache besonders gemäß sei.Dynasten- Kanzleien, Handelskorrespondenz der deutschen Städte zumal mit demSüden, italienische Abänderungen der Buchstabenformung usw. lassen die Bedeu-tung trotz der auf Antike- Imitation gehenden Gegenbewegung in der Hoch-renaissance der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nur noch anwachsen. Auchdie Regulative der Kaiserlichen Kanzleien ließen den vielen Individualschriftennoch genügend Raum, sich zu entfalten.„ Verwilderte Schrift" in verwildertenZeiten zu erkennen braucht es nicht graphologischer Kenntnisse. Das kennt jederHistoriker und der Volkskundler, der mit Handschriften etwa der Zeit desDreißigjährigen Krieges zu tun hat. Für die Bildungsausweitung seit der Auf-klärung zumal in Österreich und seinen vielsprachigen, nicht zuletzt auch durchdas Deutsch als Amts- und Heeressprache zusammengehaltenen Kronländernergibt sich eine reizvoll dargestellte Kuiturgeschichte von Schreibkunst undSchriftkultur, die hier breit aufgezeigt und mit 174 Beispielen( auf Kunstdruck-tafeln!) illustriert wird. Auch wir Älteren müssen bekennen, daß die beigegebenen( S. 207 ff.) sorgfältigen Transkriptionen bei Theatertexten, Dichterbriefen, volks-tümlichen Gebetbüchern usw. willkommene Hilfe bieten. Sie wären als Grund-lagen zur Seminarlektüre volkskundlicher Quellen gut verwendbar. Man magsich dabei auch dankbar der Ausstellung des Österreichischen Museums fürVolkskunde in Wien 1971 erinnern, für die Leopold Schmidt als Bleibendesden Katalog erscheinen hatte lassen:„ Volk und Schrift. Geschriebene Gebet-und Gesangbücher und andere ABC- Volkskunst"( vgl. d. Rez. in der Österr.Zs. f. Vkde, XXV, 1971, S. 270 f.).Leopold Kretzenbacher
Gisela Borcherding, Granatapfel und Flügelpferd. Märchenaus Afghanistan. In Kabul gesammelt und herausgegeben(= DasGesicht der Völker. Dokumentation des Märchens, Bd. 43). 192 Seiten.Kassel 1975, Erich Röth- Verlag. DM 16,80.
In der nun schon so langen Reihe„ Gesicht der Völker" findet sich immerwieder ein Band, der besonderes Interesse wachruft. So steht es auch mit diesemBand afghanischer Märchen, da doch die wenigen anderen Sammlungen vonMärchen aus Afghanistan( Lebedew, 1955; Parker und Javid, 1970) kaum zugäng-lich sind. Aber Frau Gisela Borcherding ist als Lehrerin nach Kabul gegangenund lange Jahre dort geblieben. Sie hat wohl fast nur Persisch mit ihrenGewährsleuten sprechen können, aber auf dem Umweg über ihre Schüler hat siedoch Märchen von anderen Sprachgruppen auch aufgezeichnet. Was ihr nun
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