Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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und patrizischen Gesellschaft der frühen Neuzeit gesungen wurden, sind größten-teils bekannt, wenn auch nicht immer zureichend veröffentlicht. Das war bisherauch bei der Handschrift aus Darfeld bei Coesfeld in Westfalen der Fall, wosie sich auch heute noch im Archiv der Grafen zu Droste- Vischering befindet.Brednich hat deshalb, fußend auf verschiedenen Vorarbeiten vor allem schonvon Arthur Hübner, gut daran getan, die Handschrift einmal vollständig heraus-zugeben. Man kann sich nun vom frühneuzeitlichen Gesellschaftslied im Bereichzwischen Westfalen und den Niederlanden, mit einem nicht unbeträchtlichenfranzösischen Kultureinschlag, ein vorzügliches Bild machen. Die 106 Liedersind nicht nur genau abgedruckt, sondern werden auch äußerst sorgfältig kom-mentiert, und Glossar und Motivverzeichnis erlauben jeglichen Einstieg in dieProblematik dieser Balladen und Liebeslieder. Daß das zweite Lied eigentlichein historisches Lied, und zwar auf die Schlacht von Mohacz, 1526, mit demTod des Königs Ludwig von Ungarn ist, macht die Handschrift auch für unsinteressant. Der eintragende Balthasar von Brederode hat das Lied wohl nacheiner Ausgabe der Bergreihen" abgeschrieben.

Es ist schön, daß das wichtige Unternehmen dieser Liedhandschrift- Editiondie volle Unterstützung der Kollegen und Institutionen in Westfalen gefundenhat.Leopold Schmidt

Motive. Freiburger Folkloristische Forschungen. Herausgegeben von LutzRöhrich. München, Wilhelm Fink Verlag.

Bd. 6: Otto Holzapfel, Folkevise und Volksballade. Die Nachbar-schaft deutscher und skandinavischer Texte. München 1976. 200 Seiten.DM 36,-

Bd. 7: Wolfgang Mieder, Das Sprichwort in der deutschen Prosalitera-tur des neunzehnten Jahrhunderts. München 1976. 197 Seiten. DM 38,-.Die von Lutz Röhrich gegründete und von ihm gemeinsam mit allen Ver-tretern der Volkskunde in Freiburg geleitete Serie wächst allmählich weiter. IhrObertitel Motive" hat die Auswahl der zu veröffentlichenden Arbeiten einst-weilen noch wenig beeinflußt. Es sind vielmehr Arbeiten ganz verschiedener Artund Qualität, die aber doch in den Gesamtbereich der Volkskunde hineinzielen.Die schöne Arbeit von Holzapfel, dem Kenner der skandinavischenÜberlieferung, gehört in das Gebiet der Volksliedforschung, vor allem der hoch-spezialisierten Balladenforschung. Die Beziehungen der dänischen zu den deut-schen Balladen werden umsichtig und mit vollendeter Literaturbeherrschungherausgearbeitet.

Der Sprichwort- Spezialist Mieder hat in den letzten Jahren eine Reihevon Arbeiten über das Sprichwort bei Hebel, bei Immermann, bei Auerbach,bei Jeremias Gotthelf, bei der Annette von Droste- Hülshoff, bei Otto Ludwig,bei Anzengruber- in dieser unserer Zeitschrift-, bei Gottfried Keller undschließlich bei Theodor Storm vorgelegt. Er hat sie nun hier gemeinsam ver-öffentlicht, wodurch ein bemerkenswerter Querschnitt durch das Sprichwort-interesse einer gewissen bürgerlichen Literatur des 19. Jahrhunderts entsteht.Große Dichter wie Mörike etwa waren nach Mieders Forschungen nicht sprich-wortfreudig und haben daher hier keine Behandlung gefunden. Die Frage, inwie-weit Heine, Stifter, Mörike, Raabe 1) oder auch Conrad Ferdinand Meyer sichzwar kaum mit dem Sprichwort, dagegen vielleicht mit der Redensart beschäf-tigten, sie in ihr Werk einfließen ließen, wird dabei nicht angeschnitten, wäre

1) Es ist wohl nur ein, wenn auch merkwürdiger, Lapsus, daß Raabe mitdem Vornamen Paul" versehen wird. Es kann ja dem Sinn nach nur WilhelmRaabe gemeint sein( S. 11).

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