Die Beiträge zu den Einzelmotiven sind am besten vorgearbeitet. Erzähl-kundlich wird man wohl zum„ Augias" von Kurt Ranke nichts mehr hinzu-zufügen haben. Im Seminar von Arthur Haberlandt freilich hätte man schonvor einem halben Jahrhundert dazusagen müssen, daß es sich um die antikeBezeugung des Dauermistes handelt, worüber man sich ja auch heute nochgelegentlich orientieren kann; vgl. beispielsweise Marta Hoffmann, Der„ Augias-stall" vom südwestlichen Norwegen aus gesehen( Festschrift Matthias Zender,Bd. II, Bonn 1972, S. 708 ff.). Bei der„ Klugen Bauerntochter", bearbeitet vonAkos Dömötör, ist man schon froh, daß die„ Kluge" von Carl Orff wenigstensmit einem Satz angeführt wird. Dafür sind manche Begriffe, die sich vormals insolchen Handwörterbüchern kaum fanden, schon recht ausführlich geworden.Etwa ,, Barock", das für Westeuropa von Hans Gerd Rötzer, für die Slawen vonWilfried Potthoff bearbeitet wurde. Allzuviel ist da ja vom Märchen im engerenSinn nicht die Rede. Es geht ungefähr so wie bei dem schönen und wohlgeglie-derten Artikel„ Ballade" von Brednich, wo ehrlicherweise Spalte 1169 gesagtwird:„ Die Verbindungen zum Märchen beschränken sich auf gelegentlicheMotivgemeinschaft. Die Struktur des Märchens mit seinem Motivreichtumschließt eine nähere Verwandtschaft mit der Ballade weitgehend aus."
Über solchen umfangreicheren Beiträgen sollen die vielen vorzüglichenKleinbeiträge nicht übersehen werden, die meist vom Redaktionsstab der Enzy-klopädie stammen. Antimärchen, Aufschneider, Sich- selbst- Ausgraben, Bär- flü-stert- ins- Ohr und viele andere von Elfriede Moser- Rath wären hier besonderszu erwähnen. Ausgesprochen bedeutsam ist die Einbeziehung biographischerArtikel. Die Volkskunde hat noch kein bio- bibliographisches Lexikon. Hier wirdwenigstens für die Erzählforschung vorgearbeitet, allerdings international, wasvermutlich verfrüht ist. Aber man freut sich doch jetzt schon, Artikel über ErnstMoritz Arndt, Achim von Arnim, Bettina von Arnim, sämtliche von HeinzRölleke zu finden. Wie nahe man dabei an die Gegenwart herangehen und etwaauch Lebende behandeln soll, ist wohl fraglich. In der fünften Lieferung hatman immerhin dafür schon ein Beispiel geliefert.
Das wichtige Werk schreitet gut vorwärts und man möchte ihm für dienächsten Bände die gleiche Beschleunigung bei der Bearbeitung wie beimErscheinen wünschen, wie sie den Lieferungen des I. Bandes offensichtlich zuteilwurde.Leopold Schmidt
Karl Meuli, Gesammelte Schriften. Zwei Bände. Mit Benützung desNachlasses unter Mitwirkung von Wilhelm Abt, Theodor Bühler, AugustBurckhardt, Paul Hugger, Fritz Husner, Karl Jost, Franz Jung, ReinholdMerkelbach, Mohammed Rassem, Eduard Strübin, Hans Werndle, heraus-gegeben von Thomas Gelzer. Bd. I, 582 Seiten, 1 Porträt, zahlreicheAbbildungen auf Tafeln; Bd. II, S. 585-1306, mit zahlreichen Abbildun-gen auf Tafeln. Basel und Stuttgart 1975, Verlag Schwabe& Co.
Innerhalb der gelehrten Welt gibt es etwas Besonderes: nämlich ein BaslerKlassiker gewesen zu sein. Dann ist damit zu rechnen, daß die Werke des Ver-storbenen über kurz oder lang in einer Weise ediert werden, wie sie sonst eigent-lich nur größeren Dichtern zuteil wird. Das war bei Jakob Burckhardt so, dasgalt auch für J. J. Bachofen, an dessen Werkausgabe Karl Meuli selbst mit-gearbeitet hat, und das gilt jetzt eben auch für Meuli, den zweimaligen Prä-sidenten der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, einen Gelehrten vongroßer Eigenart, dessen Arbeiten es zweifellos verdienen, so sorgfältig noch ein-mal vorgelegt zu werden.
Meuli( 1891-1968) war, wie für seine Generation fast selbstverständlich,kein Volkskundler von Beruf. Er war ein bedeutender klassischer Philologe mit
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