Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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Literatur der Volkskunde

Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichen-den Erzählforschung. Herausgegeben von Kurt Ranke. Bd. I; 1406 Spal-ten. Berlin 1977, Verlag Walter de Gruyter. Jede Lieferung DM 68,-

Das große Handwörterbuch des Märchens, dessen erste Lieferungen wirhier bereits begrüßen konnten, ist rasch weitergewachsen. Es sind nunmehr schonfünf Lieferungen, sie füllen zusammen den I. Band des stattlich werdenden Wer-kes. Da ist alles wohlorganisiert, die Lieferungen erscheinen in regelmäßigenAbständen und mit der fünften wurde sogar bereits die Einbanddecke für denganzen Band geliefert. Der Preis freilich, der ist, zumindest in Schillingbeträgengerechnet, sehr hoch. Wir würden dem Werk dennoch große Verbreitung wün-schen, da es ja in weitem Umkreis nichts auch nur annähernd so Nützlichesgibt wie eben dieses Handwörterbuch.

Der Untertitel... zur historischen und vergleichenden Erzählforschung"ist mit Bedacht gewählt worden. Wenn nämlich ein reiner Märchenfreund dasLexikon benützen sollte, würde er zunächst kaum Stichworte finden, die ihmbekannt vorkommen. Auf weiten Strecken dagegen solche, die er nicht kennt,ja die mitunter auch manche Mitforscher kaum kennen und auf Anhieb ver-stehen dürften. So fällt in der zweiten Lieferung ein Artikel Asinus vulgi" auf,und nur, weil er von einem Kenner wie Rolf Wilhelm Brednich signiert ist,wird man ihn anlesen: Siehe da, es handelt sich um die Schwankfabel vomMüller, von seinem Sohn und dem Esel. Durchgeführt ist der Artikel freilichvorzüglich, Brednich greift einigermaßen aus in die ihm vertrauten Richtungenvon Volksschauspiel, Volkslied und bildender Kunst, wo überall das Motiv javorkommt, vor allem in der deutschen Renaissance. Beim Schuldrama und sei-nen Aufführungen hätte man sogar noch mehr Belege aufbieten können und beider immer mehr erschlossenen Sgraffitomalerei ebenfalls. Aber man ist ja schonfür den Hinweis dankbar, denn bei anderen Artikeln vermißt man solche Finger-zeige auf die Verwendung derartiger Motive in der bildenden Kunst nur ungern.

Man sollte bei einem solchen enzyklopädischen Werk selbstverständlichvor allem die geglückten großen Artikel hervorheben: Es ist gut, daß DonkaPetkanova- Toteva die Apokryphen" ausführlich behandelt hat. Es ist vorzüg-lich, daß Otto Spies die Arabisch- islamischen Erzählstoffe" so dargestellt hat,daß man sich danach wirklich orientieren kann. Bei den Archaischen Zügen imMärchen" von Hermann Bausinger und Kurt Ranke zögere ich etwas, nur zuloben. Da steht vielleicht nicht jede Ausführung über dem Stoff, der doch vonden verschiedensten Gesichtspunkten aus gelegentlich als archaisch" bezeichnetwurde. Vom vulgären Mißbrauch solcher Bezeichnungen soll dabei ganz abge-sehen werden. Gut und nützlich ist selbstverständlich der Artikel Aesop" vonBengt Holbek. Knapp aber gut ist der Artikel Astralmythologie" von KurtSchier. Wie immer wird man auch hier für die Länderartikel dankbar sein, alsobeispielsweise über Äthiopien" von Richard K. P. Bankhurst oder jener über,, Australien" von Robert Tonkinson( über die Erzählungen der Eingeborenen)und Bill Wannan( über das Erzählgut der weißen Siedler). Manchen derartigenBeitrag hätte man sich vielleicht ausführlicher gewünscht, beispielsweise denüber die Basken" von Wilhelm Giese.

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