Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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Maria Lang- Reitstätter

Vor kurzem ist Frau Schuldirektor i. R. Maria Lang- Reitstätter im hohenAlter in Wien gestorben ¹). Sie hat sich zusammen mit ihrem 1976 verstorbenenMann, Prof. Dr. Karl Lang- Kirnberg, beachtliche Verdienste auch um die öster-reichische Volkskunde erworben. Karl Lang hat seinerzeit die Zeitschrift Völker-kunde" geleitet, welche Ergebnisse der völkerkundlichen Forschung populärwissen-schaftlich aufzubereiten verstand. Besonders bekannt ist er durch sein Buch, Öster-reichische Heimatmuseen"( Wien 1930) geworden, das für die Geschichte dieserMuseen heute noch von Bedeutung ist. Seine Frau, eine Pädagogin von starkemschriftstellerischem Drang, widmete sich mit besonderer Zuneigung der Volks-erzählung, und hat dafür 1937 den Band Lachendes Österreich. Schilda- Stück-lein, gesammelt und erzählt herausgebracht. 1948 ist in Salzburg eine zweiteAuflage des nützlichen Buches erschienen, das nun im Untertitel Österreichi-scher Volkshumor" heißt und von Schwankforschern noch immer benützt wird.Vor mehr als einem halben Jahrhundert war Maria Lang- Reitstätter einejunge Lehrerin in Wien und hat sich hier schon sehr bald an den Volksschulenihres Bezirkes Favoriten mit den ihren Schülern bekannten Volksüberlieferungenzu beschäftigen begonnen. Ungefähr nach dem Vorbild des Lehrer- EhepaaresRaimund und Hildegard Zoder hat sie Kinderlieder und Kinderspiel und vielan sonstiger Überlieferung gesammelt, und sich dazu des Mittels des Frage-bogens bedient. Die Schüler und Schülerinnen der 5. Volksschulklassen und derBürgerschulen sandten mit der Zeit nicht weniger als 6564 Aufsätze ein, vondenen mehr als 3900 verwertbar waren. Davon hat Frau-Lang- Reitstätter über400 mit Gruppen von Kindern besprochen, um ein klares Bild der Verhältnissezu bekommen. Aus dieser Fülle von Angaben hat sie dann ihre beiden Beiträgezu dem von Klemens Dorn herausgegebenen Heimatbuch des 10. Wiener Ge-meindebezirkes, Favoriten"( Wien 1928) gestaltet: Kinderlied und Kinderspiel"( S. 196-220) und Einiges aus dem Volksleben"( S. 225-244). Zu der von derVerfasserin geplanten kommentierenden Auswertung des Materials ist es an-scheinend nicht gekommen.

Das Interesse der bedeutenden Aufzeichnerin wandte sich in den folgendenJahren stärker den Alpenländern zu. Eine kleine Reihe von mehr feuilletonisti-schen Schilderungen aus dem Lande Salzburg sind in der Zeitschrift ihres Mannes,, Völkerkunde" erschienen so( IV, 1928, S. 31 ff.), Das Eisschießen im Pongau",( V, 1929, S. 224 ff.) Der Samsonumzug in Tamsweg",( VI, 1930, S. 88 ff.) DasAndenkentafei"( ein Marterl von Oberweißburg im Lungau) und( VI, 1930,S. 235 ff.) ,, Brunnen im Pinzgau".

Die besondere Zuneigung des Ehepaares, das dann lange Zeit in Kärntenlebte und wirkte, galt aber Osttirol. Dort hat Frau Lang- Reitstätter viel gesam-melt, und zwar Sachgut der Volkskultur, wovon sie eine ganze große Sammlung( Inv. Nr. 43.017-142 und mehrere folgende) dem Österreichischen Museum fürVolkskunde widmete 2). In Osttirol entstanden aber auch ihre vielen Studien,vor allem aus Villgraten, die in unserer Zeitschrift erschienen sind: Bergbauern-kost( XXXVIII, 1933, 18 ff., 53 ff.), Hochzeit( XXXIX, 1934, 12 ff.), Klaus,Weihnacht und Neujahr( XXXIX, 1934, 94 ff.), Wiese und Feld( XL, 1935, 70 ff.,XLI, 1936, 16 ff. und 60 ff.), Wald und Holz( XLII, 1937, 65 ff.) und viel späternoch: Vieh und Futter N. S. XXVI/ 75, 1972, 16 ff.). Die gediegen gesammeltenund eindringlich geschriebenen Studien hätten in anderen Zeiten wohl eine ganzeMonographie zur Volkskunde von Villgraten ergeben können. Aber es ist erfreu-lich, daß doch soviel vom volkskundlichen Lebenswerk dieser Frau bei uns erhal-ten geblieben ist.Leopold Schmidt

1) Vgl. den Leserbrief in der Presse" vom 6./7. VIII. 1976, S. 16.

2)( Arthur Haberland t), Zur Volkskultur in Osttirol( Wiener Zeit-schrift für Volkskunde, Bd. XLI, 1936, S. 103 ff.).

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