Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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strengen Forderung, die Lebensäußerungen des Volkes getreu und wahr, ohneSchminke und Zutat... auf das genaueste" zu erfassen und zu verarbeiten."

Die traditionellen Vorträge der Preisträger boten am Dienstag, den28. Mai 1977, den Anlaß für eine zweite Jubiläumsveranstaltung in der Aula derAlten Universität im ehemaligen Dominikanerkloster., Grimm- Nachfolge aufdem Gebiet der Sagenforschung", hatte sich Prof. Leopold Schmidt alsThema für seinen Preisträger- Vortrag gewählt. Die regionale Presse hat darüberausführlich referiert: Prof. Schmidt zeigte die vielfältigen Anregungen auf, diefür andere Sagensammler aus der Arbeit der Brüder Grimm entstanden. DieBrüder Grimm haben schon sehr früh mit dem Sammeln von Sagen begonnen,wie ein Brief von 1807 an den Freund und Förderer Friedrich Karl von Savignybeweise, zunächst aber nicht geahnt, was sie alles lesen mußten. Zwar sei 1818der zweite Band ihrer Sagen erschienen, leider aber habe Jacob Grimm wegenanderer Arbeiten sein Vorhaben nicht ausführen können, auch einen Kommen-tarband zu veröffentlichen. Hingewiesen wurde dann auf den geistigen Wandelin der Mitte des 19. Jahrhunderts und die Veränderungen durch Industrialisie-rung und zunehmende Bedeutung der Naturwissenschaften, die neue natur-mythologische Deutungen förderten. Der Grimm- Preisträger nannte vielfältigeSammlungen landschaftlich Sagen, Sagen von Herrscher- und Adelsgeschlech-tern um Namen und Wappen und thematische Sammlungen über bestimmteBerufe. Am Beispiel von Mörikes Hutzelmännchen" erwähnte er auch denWeg von der Sage zur Dichtung. Insgesamt jedoch erfüllten diese Leistungenauf dem Gebiet der Sagenforschung die Grimmschen Erwartungen nicht. Mo-derne Forschungseinrichtungen müßten eingesetzt werden, um eine wirklichezu erreichen."( Oberhessische Presse Nr. 148 vom

Grimm- Nachfolge30. 6. 1977).

Brüder- Grimm- Gesellschaft fordert Unterstützung

Klaus Beitl

Die Verleihung des Brüder- Grimm- Preises, um dessen Einrichtung Gießenerund Marburger Professoren nahezu 70 Jahre lang gekämpft hätten, dürfe niemalsnur Anlaß zum Gedenken sein, sondern müsse der wissenschaflichen Be-schäftigung mit dem Werk der Grimms dienen, forderte Prof. Ludwig ErichSchmitt, im Anschluß an die Vorträge der Brüder- Grimm- Preisträger.

Schmitt, Mitglied des Wissenschaftlichen Rates der Brüder- Grimm- Gesell-schaft, verlas dann einen Brief an den Hessischen Ministerpräsidenten und denHessischen Kultusminister. Darin wird zunächst dankbar begrüßt, daß die Lan-desregierung anläßlich des Universitätsjubiläums den Preis zweifach bewilligthabe, zugleich aber darauf hingewiesen, daß weit größere Anstrengungen desLandes gegenüber dem wissenschaftlichen Werk der Brüder und seiner Weiter-führung notwendig seien.

Der Brief erinnert an die geringschätzige Behandlung der Brüder Grimmin Kurhessen und den, bejammernswerten Zustand" der Universität gerade aufderen Arbeitsgebiet vor 1866. Zwar habe sich danach die Situation der Universi-tät wesentlich gebessert, doch sei die Lage auf dem Grimmschen Forschungs-gebiet dürftig geblieben.

Daran habe sich bis heute nichts geändert. Auch mit dem Brüder- Grimm-Preis bedecke man bestenfalls eigene Blößen", die Forschung werde damitnicht gefördert.

Gerade die sozialdemokratische Regierung in Hessen müsse man fragen,warum die Erforschung von gesprochener und geschriebener Sprache, Kulturund Leben der unteren Volksschichten" so gering gefördert werde, daß selbstdie dringlichsten Unternehmen der Grimms noch immer Ruinen" seien.

Das Land habe zwar seit 1956 Anstrengungen unternommen, die Ver-säumnisse aufzuholen; doch seien die beachtlichen Mittel durch personelle und

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