Chronik der Volkskunde
Brüder- Grimm- Preis für Leopold Schmidt
Die Philipps- Universität Marburg/ Lahn feierte im Juni 1977 ihr 450. Grün-dungsjubiläum. In der Eröffnungsfeier zur Jubiläumswoche am Montag, den27. Juni 1977, im Auditorium maximum der Universität wurde der Brüder-Grimm- Preis der Philipps- Universität dem Direktor des Österreichischen Mu-seums für Volkskunde, ao. Professor für Volkskunde an der Universität Wienund wirkl. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften,wirkl. Hofrat Dr. Leopold Schmidt, und dem Professor für Deutsche undGermanische Philologie an der Universität Zürich, Dr. Stefan Sonderegger,verliehen. Mit der Preisverleihung an die beiden Wissenschaftler aus Österreichund aus der Schweiz durch den Präsidenten der Universität Marburg, Dr. RudolfZingel, würdigte die Universität Marburg deren besondere Verdienste aufden von Jacob und Wilhelm Grimm begründeten Arbeitsgebieten; die BrüderGrimm hatten zu ihrer Zeit in Marburg studiert. Der Brüder- Grimm- Preis be-steht in einer großen Bronzemedaille mit dem Doppelbildnis dieser großendeutschen Gelehrten und ist mit je 10.000 DM dotiert. Anläßlich des Universi-tätsjubiläums 1977 wurde dieser Preis zweimal verliehen.
laut:
Die Würdigungsurkunde für Leopold Schmidt hat folgenden Wort-
„ Die Philipps- Universität Marburg/ Lahn verleiht den Brüder- Grimm- Preisfür hervorragende Verdienste auf den Arbeitsgebieten von Jacob und WilhelmGrimm an Leopold Schmidt, Dr. phil., Professor für Volkskunde an derUniversität Wien, insbesondere für seine vielfältigen und umfangreichen For-schungen zur Volkskunde des deutschsprachigen Bereiches in den mitteleuro-päischen Zusammenhängen. Mit seinem wissenschaftlichen Werk ragt er an-gesichts der überall fortschreitenden Spezialisierung vor allem dadurch heraus,daß er konsequent den„ Anregungen zu einer allseitigen Betrachtung der Volks-kultur bei Jacob Grimm" gefolgt ist. Er hat sich mit wegweisendem Erfolg umdas ganze Spektrum der Grundformen menschlicher Lebensgestaltung bemüht,ausgehend von der Erforschung der oralen Volksüberlieferung, wie auch Jacobund Wilhelm Grimm, bis zu den sachgebundenen Manifestationen, denen ersich stärker zuwandte, als er mit großer Tatkraft die Leitung eines der bedeu-tenden Volkskundemuseen übernahm. Die wissenschaftliche Leistung LeopoldSchmidts ist von dem Leitgedanken bestimmt, daß die willkürliche Scheidungvon geistigen und materiellen Komponenten das Wesen von Kultur verfälscht,weil auch alle„ materiellen" Schöpfungen des Menschen geistige" Leistungensind, sowohl was ihre Genese als auch was ihren Gebrauch und ihre Tradie-rung anlangt. In der Fülle seiner Arbeiten hat er nicht nur eine immense Stoff-masse an Fakten und Daten, mit der es die volkskundliche Forschung überall zutun hat, sachlich bewältigt, sondern auch ihre Einordnung in die jeweiligenLebens- und Funktionszusammenhänge methodisch in vorbildlicher Weise ge-meistert und immer der wechselseitigen Bedingtheit von Traditions- und Inno-vationsforschung Rechnung getragen, im Sinne des Programms, das JacobGrimm von Wien aus 1815 in seinem„ Circular" entwickelt hat, mit der
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