Ernst Klusen, unter Mitarbeit von V. Karbusicky und W. Schepping, ZurSituation des Singens in der Bundesrepublik Deutsch-land(= Musikalische Volkskunde, Materialien und Analysen, Bd. IV undV), 2 Bände. I: Der Umgang mit dem Lied. 168 Seiten. II: Die Lieder.176 Seiten. Köln 1976, Musikverlag Hans Gerig. DM 26,- und 28.-.
Die immer wiederholten Phrasen vom Aussterben des Volksliedes habenErnst Klusen und sein Institut für Musikalische Volkskunde an der Pädago-gischen Hochschule Rheinland, Abteilung Neuß, schon seit langem veranlaßt,diese Fragen kritisch zu untersuchen. Nunmehr liegt das Ergebnis einer groß-angelegten Befragungsaktion vor, bei der von 2000 Fragebogen etwa 1500 wirk-lich beantwortet zurückgesandt wurden. Über den Vorgang, über die Befragten,über den soziokulturellen Hintergrund wird ausführlich gehandelt. Dann kom-men Ergebnisse, zunächst über die ,, Musikalischen Aktivitäten", also das Singenund Musizieren, über die Fragen des Liederwerbes, des Liedbesitzes, auch derSinggewohnheiten- Gelegenheiten, Gruppen, Auswertung der Antwortenüber das verwendete Liederbuch, im besonderen der„, Mundorgel", schließlicheine Aufschlüsselung der„ Singintensität". Das alles ist nach soziologisch- sta-tistischen Methoden gearbeitet, sehr genau in Prozenten, was zweifellos für dieverschiedensten Betrachtungsmöglichkeiten Antworten ergibt. Der II. Band bringtdie Aufarbeitung der Lieder, wobei sich ein buntes Gemisch von älteren undjüngeren volkstümlichen Liedern ergibt, von„ Der Mond ist aufgegangen" biszu„ Kommt ein Vogerl geflogen". Vieles ist deutlich durch das in der Volks-schule gesungene Liedgut geprägt, manches durch das aus einzelnen Gruppender Jugendbewegung kommende Fahrtenlied. Wenn sich jemand besonders dafürinteressieren sollte, würde er den beachtlichen Unterschied gegenüber Österreichbald feststellen: Manche offenbar doch in der Bundesrepublik gesungene Liederwie„ Sabinchen war ein Frauenzimmer" sind hier nicht einmal Fachleutenbekannt. Die Lieder werden im zweiten Band nicht nur nach ihrer Bekanntheitangeführt, sondern auch liedgeschichtlich kurz charakterisiert, was das Buch ent-schieden bereichert. In manchen Fällen, beispielsweise bei solchen Liedern, diedeutlich vom Soldatenlied des Zweiten Weltkrieges übergeblieben sind, hätteman wohl weiter ausgreifen müssen.
Die methodisch strenge Untersuchung macht zweifellos gerade den mit derGeschichte des Volksliedes und der Volksliedforschung Vertrauten nachdenk-lich: vor allem in der Hinsicht, daß man nun wissen möchte, ob dadurch auchnur ein einigermaßen repräsentativer Querschnitt durch den„ Liedbesitz" erarbei-tet wurde. Wie kommt's, daß man allenthalben in Süddeutschland und Öster-reich, wo und wann man singen hört, alle diese Lieder nicht kennt, und daß dieSänger, also im wesentlichen doch Erwachsene, diese Lieder als Schul- undKinderlieder nicht rezipiert haben und auch nicht rezipieren würden? Sind dielandschaftlichen oft sicherlich immer noch stammheitlichen Unterschiedenicht offenbar bei weitem stärker, als aus einer solchen Untersuchung hervor-geht? Wie steht es mit der Geltung der Großstädte und ihrem speziellen Mund-artlied, das doch ganz deutlich alles andere gesellige Liedgut an die Wanddrückt? Ich meine, Klusen und seine Mitarbeiter haben eine respektable Arbeitgeleistet, die aber offenbar durchaus keine Allgemeingültigkeit besitzt. Viel-leicht sind soziologisch- statistische Methoden also für das Fach Volkskunde dochnicht so gut, wie man zumindest in Neuß glaubt. Leopold Schmidt
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Frankfurter Wörterbuch, auf Grund des von Johann Joseph Oppel und HansLudwig Rauh gesammelten Materials, herausgegeben von WolfgangBrückner. 6. Lieferung, bearbeitet von Rosemarie Schanze. S. 1017bis 1224. Frankfurt am Main 1976, Verlag Waldemar Kramer.
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