Nina Gockerell und Helene Kostenzer, Alte Trachten aus Ober-bayern und Tirol. Großformat, 160 Seiten, 32 Bildtafeln, davon 28farbig, und 74 Illustrationen. Rosenheim 1976, Rosenheimer VerlagshausAlfred Förg. DM 42,-.
An Trachtenliteratur über Bayern und Tirol mangelt es eigentlich nicht.Aber schöne Bildbände sind selbstverständlich immer willkommen. So nimmtman auch den vorliegenden, wie alle„ Rosenheimer Raritäten" vorzüglich aus-gestatteten Band mit Vergnügen in die Hand und denkt dabei freilich wohl auchsogleich, wie leicht es eigentlich ist, solche Auswahlbände herzustellen. Die For-schungsgeschichte hat im Lauf der Zeit die verschiedensten alten Reisebeschrei-ber und Topographen feststellen können. Wenn man nun aus deren meist rechtgut geschriebenen Landschaftsdarstellungen die auf Tracht bezüglichen Stellenherausschneidet und aneinanderklebt, ergibt sich ganz von selbst ein lesbarerText. Dazu stellt man aus wohlbekannten Lithographieserien des frühen 19. Jahr-hunderts die ansprechenden Abbildungen, und der Band ist verhältnismäßigrasch erstellt. In diesem Fall werden also zu Schilderungen von J. G. Kohl,C. J. Weber, Hazzi, Lentner, Steub und wie sie alle heißen, die entsprechendenbayerischen Graphiken von Ludwig Neureuther, Lorenz Quaglio und wenigenanderen gestellt; bei Tirol nimmt man die Schilderungen von Carl Wolf, AntonHeilmann und selbstverständlich viel Ludwig von Hörmann, und kann die wohl-bekannten kolorierten Lithographien von Alois Kirchebner dazustellen: Für deneingearbeiteten Fachmann, der womöglich das Material an einem einzigenInstitut beisammenhat, die Arbeit von wenigen Tagen. Außenstehende mögen esetwas schwerer haben.
Aber die breitere Bücherkäufer- und-leserschicht hat auf diese Weise dochein schönes Buch bekommen und der Fachmann wird sich einerseits freuen,die alten Texte auf so einfache Weise zusammengestellt zu bekommen, ander-seits die verschiedenen Qualitäten der einzelnen bildenden Künstler studieren,und dabei wieder einmal beträchtlichen Respekt vor den vorzüglichen Aquarel-len Lorenz Quaglio des Jüngeren bekommen, einstmals 1822 gemalt und in ihrerArt vielleicht erst wieder von Leibl erreicht. Dagegen sind die Tiroler Trachten-lithographien von Johann Georg Schedler, J. Waldher, Alois Kirchebner usw.doch eher Kommerzware, was nichts gegen ihre sachliche Bedeutung aussagensoll.Leopold Schmidt
Karl- S. Kramer, Grundriß einer rechtlichen Volkskunde.XIII und 172 Seiten. Göttingen 1974. Verlag Otto Schwartz& Co.DM 18,-.
Das schlanke Buch des Kieler Ordinarius für Volkskunde ist ein Grundriß,nicht etwa ein Handbuch. Wer einen solchen sucht, muß auch weiterhin zuKünẞberg und Claudius von Schwerin greifen. Aber dieser„ Grundriß" ist einwohldurchdachtes, gut lesbares Buch, das man jedem Anfänger im Fach bereitsempfehlen kann, ja zur Pflichtlektüre vorschreiben möchte.
Karl- S. Kramer hat sich so viel und so intensiv mit der Quellenforschungauf dem Gebiet des altvolksmäßigen Rechtslebens beschäftigt, daß er hier denumfangreichen Stoff nach Grundkategorien geordnet vorweisen kann. Es gehtihm um die ,, Ordnungen", in denen gelebt wurde, und die ihm vor allem für diefrühe Neuzeit sehr geläufig sind. Ordnungen wie Raum und Zeit, aber auchEhre und Exklusivität werden mit Beispielen vorgeführt. Es sind also nicht dieRechtsaltertümer, obgleich auch diese herangezogen werden, sondern das Ver-halten der Leute zu diesen, mit vernünftigem Gebrauch und unvernünftigemMißbrauch, wie beides sich aus den Zeugnissen immer wieder ablesen läßt. Daßin Zeiten einer zünftlerischen Verhärtung und eines übertriebenen ständischenEhrgefühles hier viel getan wurde, was zur Sprengung der alten pseudorecht-
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