Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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Ein Film über das Österreichische Museum für Volkskunde

Von Ingeborg Weber- Kellermann, Marburg an der Lahn

Es muß erstaunlich wirken, daß dieser Film nicht vom ÖsterreichischenRundfunk produziert wurde, sondern vom Hessischen Rundfunk in Frankfurtam Main; daß dieser Film nicht von den Herren des Museums, also Österrei-chern, Wienern gar- sondern von einer derzeit in Marburg lebenden Berlineringemacht wurde wenn auch unter ständiger Beratung eben dieser Wiener

Herren.

Wie das zustandegekommen ist, kann man weitläufig erklären, denn jederweiß, daß auch die merkwürdigste Erscheinung immer irgendwie zu erklärenist. Dennoch erscheint es mir wichtig, diese Information zu geben, denn sicherist der Film anders geworden, als wenn ihn Österreicher gemacht hätten.

Als ich vor zwei Jahren mit den Recherchen und Vorarbeiten begann, warich allerdings kein Neuling in der Laudongasse. Vielmehr kenne ich diesesMuseum, seine Ausstellungsräume und Magazine seit mindestens 30 Jahren.Ich habe es im Krieg erlebt und nach dem Krieg, und ich habe voller Bewunde-rung bei jedem neuen Besuch in Wien gesehen, wie unter der Leitung vonLeopold Schmidt nicht nur die Ausstellungsräume ein völlig neues Gesichterhielten, wie die unüberschaubare Masse schöner und hervorragender Gegen-stände plötzlich klar und einsichtig wurde. Ich habe auch den Wandel desHauses zu einer Forschungsstätte ersten Ranges miterlebt und die systematischeOrdnung eines Katalogisierungssystems bewundert, das ja fast in einemstrukturalistischen Verfahren den Stellenwert der einzelnen Objekte in Ge-schichte, Landschaft, wirtschaftlichem und künstlerischem Bezug fixierte.

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Als ich nun wie gesagt mit den Recherchen für diesen Film begannund auf mancher Wiener Durchreise immer wieder durch die Säle streifte,befreundete ich mich mehr und mehr mit Einzelheiten, erkannte den Reiz undWitz der vielen figuralen und individuellen Gestaltungen, Malereien, Schnitze-reien und beschloß, gerade sie in meinem Film zum Sprechen zu bringen.

Was sollten sie aussagen? Etwas über Temperament, Frohsinn undLustigkeit der österreichischen Bevölkerung? Über die Schönheit ihrer Trach-tenkleidung? ihrer handwerklichen Leistungen? den Charme ihrer Tänze? aberauch über ihre Fähigkeit, sich und ihre Nachbarn zu verspotten, zu lachen undeine Leichtigkeit mitzuteilen, vielleicht zuweilen vorzutäuschen, die den oftharten Lebensbedingungen gar nicht immer entsprach. Das Museum beinhaltetvor allem Zeugnisse aus der vorindustriellen Zeit, vom Barock bis zum Bieder-meier schließlich bis etwa zum 1. Weltkrieg. Und diese Epoche mußte alsoverdeutlicht, ins Bild gesetzt werden; es sollte in die Sprache eines Filmes über-setzt werden, was sich insbesondere innerhalb der ländlichen Lebensverhältnisseim 18. und 19. Jahrhundert in Österreich abgespielt hat.

Wenn ich so durch das Museum schlenderte, begegnete mir immer wiederder Herr Hofrat, zupfte mich am Ärmel, schloß hier einen gelben Schrank mitMasken auf, deren kulturgeschichtliche Herkunft er mir erklärte,- nannte mirdort die Werkstätten der großartigen Salzburger und Gmundner Fayencen undKeramiken und erklärte mir die Bildsprache ihres Decors- holte mir zumDefreggerteppich die entsprechende Graphik bei, die den Tiroler Hausiererzeigte und damit die Mobilität dieses Wirtschaftssystemes belegte.

Wenn er es auch nicht deutlich aussprach, so war wohl zu merken, waser so erwartete und diese Erwartungen werde ich sicher nur unvollkommenerfüllt und ihn so in mancher Hinsicht enttäuscht haben.

Ich kramte im Magazin, verlor mich in hunderten von Bierdeckelbildern,von Schießscheiben und besah mir die Sammlung der Votivtafeln, die aus michprotestantisch erzogenen norddeutschen Menschen einen besonders tiefen Ein-

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