andere. Die Verfasserin hat 1974 ihr Taschenbuch„ Die deutsche Familie. Ver-such einer Sozialgeschichte" herausgebracht, es war hier( ÖZV 29/78, S. 207 f.)darauf hinzuweisen. Der hier nun vorgelegte Band erweist sich als eine Wieder-aufnahme des gleichen Themas, zum Teil, vor allem in den Exkursen, sogar mitgleichem Text. Aber den Haupttextteil bilden eigentlich Begleittexte, Quellen-stellen zu jener Darstellung, vor allem aus Selbstbiographien, Tagebüchern, auchRomanen gezogene Teilstücke. Und zu diesen passen, soweit eben möglich, dieAbbildungen, die nun wirklich einen ganz vorzüglichen Überblick geben, offen-bar die bedachte Auswahl aus einem sehr reichen Sammelmaterial.
Man muß mit den Hinweisen von Frau Weber- Kellermann auf die Ent-wicklung der Familie, auf manche Schäden in der Vergangenheit, auf die angeb-liche Haupt- und Sonderstellung des Vaters usw. gewiß nicht einverstanden sein.Aber ihre Auszüge aus Selbstbiographien zur Kinderzucht, zu den Puppen, zumWeihnachtsbaum usw. bleiben dennoch wertvoll, und die reiche Bildbeigabe ver-dichtet den Eindruck des großen Überblickes mit den detaillierten Einzelhin-weisen. Gewiß finden sich unter den älteren Bildern nicht wenige, die man gutkennt. Unter den neueren Photographien, Karikaturen usw. wird man mehrUnbekanntes entdecken. Die Auswahl zeigt sich auch hier stark auf Nordost-deutschland, nicht zuletzt auf Berlin bezogen.
Ein sicher nicht„ konservativ", sondern eher„ progressiv" erarbeitetes kul-turhistorisches Bilderbuch also zu dem bereits vorliegenden Abhandlungs-Taschenbuch, in vieler Hinsicht begrüßenswert. Merkwürdig berührt unsereinen,daß die Methoden und Erkenntnisse des Faches Volkskunde eigentlich nur imallgemeinen, kaum aber im besonderen genützt werden, daß man beispielsweisebei keinem der stoffreichen Bilder irgendeinen volkskundlichen Kommentarerhält. Ist es eigentlich innerhalb dieses Bereiches nicht mehr üblich, wenigstensin Stichworten dazu zu sagen: Hier war es noch eine hölzerne Kufenwiege, dorteine aus dem Niederländischen kommende Korbwiege oder Ähnliches in Fülle?Erläutern sich für diese Betrachtungsweise die Sachverhalte durch ihre Sozial-bezüge allein, glaubt die Verfasserin, daß es die Bindungen an langwährende,auch großlandschaftlich differenzierte Traditionen nicht gegeben hat und schongar nicht mehr gibt? Wer hätte etwas dagegen, wenn man in den Bildbeschrif-tungen zu den einzelnen oft vorzüglichen alten Bildzeugnissen sagen würde, daßauf dem einen Bild allein drei verschiedene Korbtypen zu sehen sind? Auf einemanderen wieder die Hauben der Frauen und Mädchen sich deutlich voneinanderabheben?
Gewiß, je reicher ein Buch an Anschauungsmaterial, desto mehr möchteman davon wissen oder wohl auch erfahren, ob der Verfasser auch die gleichenSchau- Erlebnisse davor gehabt hat. Wenn man Erfahrung in Bild- Interpretationhat, steigert sich diese Begier noch ganz gewaltig, und wenn dann die Textehöchstens davon berichten, daß die nüchterne Aufklärung noch ganz gut gewesensei, daß aber die Romantik eigentlich den Anfang allen Übels dargestellt habe,dann wird man doch mißmutig: Man kann ja doch erfahrungsgemäß auch dieseDinge noch immer durchaus von mehreren Seiten her sehen.- Aber ein Buchist doch nur dann gut, wenn man sich so verschiedene Gedanken darüber machenkann. Und in diesem Sinne ist also dieses große Familienbuch von Frau Weber-Kellermann ein gutes Buch.Leopold Schmidt
Karl Ilg, Pioniere in Brasilien. Durch Bergwelt, Urwald und Steppeerwanderte Volkskunde der deutschsprachigen Siedler in Brasilien undPeru. 224 Seiten mit 49 Farbbildern, 21 Zeichnungen und 4 Vorsatzkarten.Innsbruck 1972, Verlag Tyrolia.
Karl Ilg, Pioniere in Argentinien, Chile, Paraguay undVenezuela. Durch Bergwelt, Urwald und Steppe erwanderte Volks-
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