Jahrgang 
80 (1977) / N.S. 31
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druckes würdig. Als beatus possidens" freut man sich natürlich, beide Bändein der alten Auflage zu besitzen, würde aber den anderen" eben doch wün-schen, daß sie sich nun zum ersten auch den zweiten Band im, Reprint" anschaf-fen könnten. Die volkskundlichen Interessenten würden auch dabei nicht zukurz kommen.Leopold Schmidt

Alfred Förg, Schießscheiben. Volkskunst in vier Jahrhunderten ausDeutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz. Mit einem Vorwortvon Franz J. Grieshofer, Großformat 256 Seiten, 452 Reproduktio-nen von Schießscheiben, davon 102 vierfarbig, 350 schwarz- weiß. Rosen-heim 1976, Rosenheimer Verlagshaus Alfred Förg. DM 79,80.

Von den vielen Zwischengebieten der älteren breitschichtigen Kultur, dieman gern einer farblosen Kulturgeschichte" zuweist und die dann meist dochder Volkskunde zufallen, ist das Gebiet der Schießscheiben sicherlich eines derreizvollsten. Ab und zu gibt es gute örtliche Veröffentlichungen darüber und abund zu wieder kommen auch Bildpublikationen zustande, wie im Vorjahr derköstliche Kalender des Verlages Georg D. W. Callwey.

Nun aber hat ein rühriger bayerischer Verleger das Kapitel selbst in dieHand genommen und die wichtigsten zugänglichen Schießscheibenbestände sehrschön photographieren lassen. Franz J. Grieshofer, der über das Schützen-wesen im Salzkammergut dissertiert hat, konnte eine Kleine Kulturgeschichteder Schießscheibe" beisteuern( S. 8-15), die einen schönen gegliederten Über-blick über das Gebiet vorlegt. Dadurch ist der aufwendige Bildteil gerechtfertigt,der die Scheiben nach den Orten gegliedert vorweist. Zunächst vor allem Enns,worüber Franz Lipp gearbeitet hat, dann Tegernsee, weiters Lindau, Schwa-bach, Coburg mit den Bildern aus dem Coburger Scheibenbuch"-, Schei-ben aus dem Besitz des Grafen Arco- Zinneberg, Scheiben der Kgl. priv. Feuer-schützen Gesellschaft München Der Bund", Scheiben aus Würzburg, aus Leobendie Günter Jontes vor kurzem bekannt gemacht hat, und so geht esweiter durch die verschiedensten Orte in Bayern und Österreich, wobei dieScheiben aus Eppan in Südtirol und jene aus Bruneck wie von der Gesellschaftin Oberbozen besonders hervorgehoben werden sollen. Aus Nordtirol kommendie Scheiben von Kufstein, von Kitzbühel, von Innsbruck, aus Salzburg die vonHallein und von Tamsweg, aus Niederösterreich schließlich eine herrliche Serieaus Scheibbs, worüber einstmals Hermann Goja gearbeitet hat. Aus Kärntenstammen die Scheiben aus St. Veit an der Glan, aus Vorarlberg jene von derHauptschützengesellschaft in Bregenz.

Der Reichtum der Bilder ist außerordentlich groß und müßte sowohl ikono-graphisch wie nach den Malern und ihren Qualitäten durchbesprochen werden.Die alten Scheibenmaler haben einen außerordentlich vielseitigen Motivbestandverarbeitet, für dessen Erschließung man sich der ganzen barocken Emblematikbedienen muß. Die bayerischen Scheiben des 19. Jahrhunderts sind dagegen fastdurchwegs von Münchner Genremalern gearbeitet, einigermaßen den zeitglei-chen Bierglasdeckeln verwandt. Während die alten Scheibenmaler fast immereine sinnvolle Anordnung der Figuren und Symbole trafen, gaben die Genre-maler häufig nur Bilder, manchmal ganz gute Trachtendarstellungen, bei denenman als Schütze wohl gezögert hätte, darauf zu schießen. Die ganze Unter-schiedlichkeit erschließt sich nur bei einer Interpretation der einzelnen Scheibenund der mitunter augenfälligen Gruppen. Daß man dieses köstliche Materialaber jetzt so durchinterpretieren kann, verdankt man doch dem einfallsreichenRosenheimer Verleger, der in diesem Sonderfall selbst als Herausgeber auf-getreten ist.Leopold Schmidt

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