Literatur der Volkskunde
Deutsche Volkslieder. Balladen. Gemeinsam mit Heinke Binder, Jürgen Dittmar,Monika Hasse, Otto Holzapfel, Lutz Röhrich, Wiegend Stief und WolfgangSuppan, herausgegeben von Rolf Wilhelm Brednich. 6. Teil.Freiburg im Breisgau 1976. Verlag des Deutschen Volksliedarchives inKommission bei Ernst Kaufmann, Lahr im Schwarzwald.
Das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg ist eines der wichtigsten Institutedes Faches Volkskunde. Mit seinen über 70 Jahren des Bestehens steht es eben-bürtig neben den großen Volkskundemuseen, die an sich die ältesten und tra-ditionsreichsten Institute der Volkskunde überhaupt sind. Das Volksliedarchivhat seit jeher neben der Archivierung des stets noch wachsenden Bestandes dieVerpflichtung der Veröffentlichung auf sich genommen. Sein Gründer JohnMeier hat auch für das Hauptveröffentlichungswerk den Grund gelegt und1935 mit dem 1. Band der„ Deutschen Volkslieder" mit ihren Melodien begon-nen. Das ist also über 40 Jahre her, und die Zeit mit allen ihren Schwierigkeitenhat das Volksliedarchiv nicht verschont gelassen. Es ist aber doch immerwieder gelungen, seine Existenz zu sichern und dem publizistischen Hauptwerkzum Weiterwachstum zu verhelfen.
Nunmehr ist man 1976, also nach 40 Jahren, glücklich beim 6. Band desBalladenwerkes angelangt. Der 1. Halbband dieses Bandes erschien schon 1974,brachte die völlig erneuerte Bibliographie( 47 Seiten stark) und Monographienvon neun Balladen. Der 2. Halbband, 1976 erschienen, bringt die Einleitung zudem Band, in der die neueren Geschicke des Archives geschildert werden undalle Mitarbeiter ihre knappe Anführung und Würdigung finden, und acht Bal-laden- Monographien, womit jetzt glücklich 140 Balladen oder doch balladen-artige Lieder ihre Darstellung gefunden haben.
Dem Wesen des behandelten Liedschatzes entspricht es, daß eigentlichimmer Lieder in den Formen des frühen 16. Jahrhunderts behandelt werden, dieseit Nicolai und dem„, Wunderhorn" wiederbelebt wurden. Wer jemals aus dem,, Zupfgeigenhansel" gesungen hat, der wird mit Freuden etwa das so sangbareLied„ Es blies ein Jäger wohl in sein Horn" finden( Nr. 133), und die kom-plizierte Überlieferung dieses„ Nachtjägers" nachzulesen versuchen. Die Text-vorstellungen und Kommentare zu diesen„ Balladen" sind nicht einfach, keinerder Mitarbeiter hat es sich jemals leicht gemacht. Soll doch hier für viele Jahr-zehnte grundlegend dargetan werden, was man sich nun zu diesen vielgesun-genen, zersungenen Liedern schon alles überlegt hat und bis heute interpretie-rend überlegen konnte. Selbst eher als studentisch ungebunden angesehene Lie-der wie„ Es waren drei Gesellen"( Nr. 139) erhalten in der dichten Kommen-tierung andere Züge als die meist und offenbar zu oberflächlich wahrgenom-menen. Ein erstaunliches Beispiel für alle diese Erwägungen ist wohl Nr. 129,„ Das weinholende Mädchen", das in seinen aus Liedhandschriften und Flug-blättern bekannten Texten doch als ein Gesellschaftslied mit erotischen Anspie-lungen erscheint. Aber John Meier hat einstmals einen möglichen Zusammen-hang mit einer Moritat des 13. Jahrhunderts entdeckt, einer Mordgeschichte,die schon bei Caesarius von Heisterbach steht und die in den Niederlanden zu
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