Erkenntnis in der Volkskunde
Die Bedeutung von Giambattista Vico für die Theorie- undMethodendiskussion
Von Iso Baumer
1. Einleitung
In der Volkskunde geht es letztlich, wie in jeder Wissenschaft, umErkenntnis, nicht nur um Kenntnisnahme von Fakten und ihre mehroder minder gut gelungene Anordnung. Welches sind die Methoden, dieeine Erkenntnis zutage bringen? Welchen Wahrheitsgehalt haben dieTheorien, die aus den systematisch geordneten Einzelerkenntnissenfolgern?
Wissenschaftsgeschichtlich ist in dieser Fragestellung der italieni-sche Denker Giambattista Vico( 1668-1744) bedeutsam. Er gilt ge-meinhin als Geschichts- und Sozialphilosoph. Er hat auch der Volks-kunde viel zu sagen. Die volkskundliche Diskussion täte gut daran, sichan ihm zu orientieren. Diesem Ziel dient der nachfolgende Aufsatz ¹).
Der Theologe Joseph Ratzinger hat Vicos epochale Bedeutunghervorgehoben: Seit der Antike und dem Mittelalter ,, werden wir, wennich recht sehe, zwei Stadien des geistigen Umbruchs feststellen können.Das erste, von Descartes vorbereitet, erhält seine Gestaltung bei Kantund vorher schon in einem etwas anderen Denkansatz bei dem italie-nischen Philosophen Giambattista Vico( 1668-1744) 2), der wohl alserster eine völlig neue Idee von Wahrheit und Erkenntnis formuliertund in einem kühnen Vorgriff die typische Formel des neuzeitlichenGeistes hinsichtlich der Wahrheits- und Wirklichkeitsfrage geprägt hat.Der scholastischen Gleichung ,, Verum est ens”. das Sein ist die Wahr-
heit stellt er seine Formel entgegen: ,, Verum quia factum". Das willsagen: Als wahr erkennbar ist für uns nur das, was wir selbst gemachthaben. Mir will scheinen, daß diese Formel das eigentliche Ende deralten Metaphysik und den Anfang des spezifisch neuzeitlichen Geistesdarstellt. Die Revolution des modernen Denkens gegenüber allem Vor-angegangenen ist hier mit einer geradezu unnachahmlichen Präzision
1) Er geht aus Vorträgen hervor, die in verschiedenen Fassungenu. a. an der Universität Bern als öffentliche Vorlesung und vor der phil.- hist.Fakultät der Universität Zürich gehalten wurden.
Bei Ratzinger( s. Anm. 3) steht fälschlicherweise das Geburtsjahr 1688.
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