Auf den Band ist hier dennoch hinzuweisen, weil er die umfangreiche Arbeit ,, DasEnde einer Minderheit. Zuwanderung und Eingliederung slowakischer Landarbeiter ineiner niederösterreichischen Grenzgemeinde" von Helmut Paul Fielhauer enthält.Fielhauer hat in einem jener Marchfelddörfer, die früher kroatische Zuwanderer aufwie-sen, auch eine slowakische Minderheit entdeckt, Landarbeiter auf einem Maierhof, diesich allmählich genauso in die allgemeine Ortsbevölkerung integrierten wie einstmals dieKroaten. Da es sich um Siedlungen in der Nähe von Wien handelt und Fielhauers For-schung vom Kulturamt der Stadt Wien unterstützt wurde, muß wenigstens darauf hinge-wiesen werden, daß hier die sprachlichen Verhältnisse im Dorf, die sozialen undkulturellen Verhältnisse, die Zuwanderung, das gegenseitige Verhältnis der einzelnenVertreter der ,, Volksgruppen" zueinander usw. genau, geradezu mikroskopisch genau, zuerkunden versucht wurde. Die vielseitige Arbeit wird ihrer Kenntnisnahme nach durch dieimmer wieder nachzuweisende Abneigung gegen die normale Volkskunde behindert. DieNähe zur Tagespolitik( von 1972) wirkt auch nicht günstig. Aber mit einigem zeitlichenAbstand wird man Fielhauers sehr bemühte Befragungs- und Beurteilungsarbeit vielleichtgerechter einschätzen können.
Leopold Schmidt
MARIANNE KENDLER, P. Jacob Schmid S. J. Ein bairischer Hagiograph des18. Jahrhunderts(= tuduv Studien. Reihe Kulturwissenschaften, Bd. 1)Manuskriptdruck 280 Seiten, 7 Abb. München 1974, tuduv- VerlagsgesellschaftmbH. DM 32,-
Diese mit starker Verspätung bei uns eingelangte wertvolle Monographie ist auseiner bei Leopold Kretzenbacher in München gearbeiteten Dissertation hervorgegangen.Jacob Schmid war nicht, wie so manche von der Volkserzählforschung heute so gern be-handelten Barockpersönlichkeiten, ein Prediger, sondern vielmehr ein Schriftsteller, derwohl mit seinen mahnenden Legenden vielen Predigern Material für die Kanzel gelieferthaben mag. Schmid wurde 1689 in Bozen geboren, ein Südtiroler also, dessen Vaterseinerseits aber wieder aus Garmisch in Oberbayern stammte. Der Bozener Wirtssohnfühlte sich zum geistlichen Stand berufen und hat den größten Teil seiner Erwachsenen-jahre im Jesuitenkloster in Landsberg am Lech verbracht, wo er auch 1740 gestorben ist.Sein Hauptwerk ist offenbar der„, Heilige ehren- Glantz der gefürsteten GrafschaftTyrol von 1732 gewesen, eine noch lange nachgedruckte und benützte Sammlung derLegenden Tiroler Heiliger und Seliger. Weitere Legendensammlungen galten besondersden Bauern und ihren Dienstboten, den„ Ehalten", aber auch Schauspielern undMusikern und manchen Erscheinungen am Rand der bürgerlichen Gesellschaft. Einegewisse lokale Bedeutung in Landsberg hat Schmid durch seine Betreuung der dortigenbäuerlichen Visionärin, der„ gottseligen Bäuerin“ Katharina Lichtenstern erlangt. Dieniemals heiliggesprochene Visionärin wird dort heute noch verehrt, es gibt immer nochBesucher ihres Grabes, die sich Holzsplitter aus ihrem Grabkreuz schneiden, welche gegenZahnschmerzen verwendet werden. Da reicht also das von Jacob Schmid so deutlich ver-tretene Volksbarock direkt noch in die Gegenwart herein. Bemerkenswerterweise gibtes sowohl von P. Jacob Schmid wie von der Visionärin Katharina Lichtenstein bescheidenezeitgenössische Bildnisse, die in dem wertvollen Buch von Marianne Kendler auch wieder-gegeben sind. Sie hat sich mit dem Legendenschriftsteller und seinen Problemen sehreingehend beschäftigt, so daß sie wohl auch zu ihrem Schlußsatz berechtigt erscheint:,, Aber gerade diese innere Verletzlichkeit rückt uns diesen Mann auch wieder menschlichnäher, der uns durch sein Eifern und durch seine uneinsichtige Starrheit oft zum Wider-spruch herausforderte- er, ein Mann nicht mehr ganz des Barock und noch nicht der Auf-klärung.“( S. 243)
Leopold Schmidt
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