Jahrgang 
81 (1978) / N.S. 32
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SIGRID METKEN, Geschnittenes Papier. Eine Geschichte des Ausschneidensin Europa von 1500 bis heute. Großformat 335 Seiten, mit 398 einfarbigen und42 vierfarbigen Abb. München 1978, Verlag Georg D. W. Callwey. DM 98,-

In vielen Orts- und Landesmuseen, nicht zuletzt in den Volkskundemuseen, hat sichjahrzehntelang eine Art von Bodensatz gesammelt: Die vielen Kleinigkeiten, Erinne-rungsstücke, Kinderspielzeug, Liebhabereien, und davon sehr viel aus Papier, manchesbeschriftet, vieles bebildert, oft nicht mehr sehr ansehnlich, weil durch Kinder- und Spiel-gebrauch abgenutzt. Nicht unbegreiflich, daß sich das Fach dieser Dinge kaum ange-nommen hat, bis in die letzten Jahre, wo aus den bewußt angelegten Kollektionen einigerweniger Sammler plötzlich Ausstellungen und Veröffentlichungen entstanden, welchediese Kleinwelt mit einem Mal recht plastisch hervortreten ließen. Gewisse Gruppen wiePapiertheater oder Andachtsbilder sind inzwischen recht bekannt, mitunter sogar disser-tationsfähig, geworden. Nebenfächer wie die Theaterwissenschaft haben eher zugegriffenals etwa die Kunstgeschichte. Dadurch, daß die Museen ihre eventuell vorhandenen oderjüngst vermehrten Bestände dieser Art doch nur zeitweise, ausschnittsweise darbietenkönnen, bleibt die Veröffentlichung als der beste Weg, alle diese recht verschollenenDinge bekannt zu machen.

Einen bedeutsamen Fortschritt auf dieser Linie bedeutet das vorliegende schöneBuch, das nicht nur durch seine Bilderfülle, sondern auch durch einen klugen, gut geschrie-benen Text für sich einnimmt. Das ,, Ausschneiden", bei dem man zunächst nur an Bilder-bögen und Schattenrisse denkt, wird von Sigrid Metken als eine in sich einheitliche spiele-rische Tätigkeit dargestellt, die vom 15. bis 17. Jahrhundert meist im Bereich des Skurill-Bedeutungsvollen lebt, mit dem ,, Weißschnitt" als Erschließer immaterieller Welten.Umfassend wird dann das wohlbekannte Kapitel der Weihnachtskrippen aus Papier"angegangen, bei denen ja wohl eigentlich nicht das Ausschneiden, sondern das Bemalendie Hauptsache war. Aber das Reduzieren der Figurenplastik auf die eindimensionalePapier- oder Kartonfigur ist zweifellos etwas besonderes, die landschaftliche Gebunden-heit an Tirol wie an Böhmen eine Merkwürdigkeit.

Breiten Raum nimmt dann die Darstellung der Pergament- Spitzenbilder ein, Lieb-linge der Andachtsbildersammler, solange es sich um Pergament, und ihr Abscheu, sobaldes sich um gestanztes Papier handelt. Daran schließt eine kleine Spezialdarstellung: ,, EinZeitvertreib des Rokoko: Mit ausgeschnittener Graphik dekorieren" an. Hier wird auchdes mit ausgeschnittenen, aufgeklebten Bildchen verzierten Möbels gedacht, das ja einezeitlang eine ganz beträchtliche Bedeutung besaß. Daran schließt das Kapitel über den,, festgehaltenen Schatten" an, das einzige Gebiet, das sich seit langem der Sammlung undErforschung erfreut, und den Literarhistorikern besser als den Volkskundlern bekannt ist.Von diesem geradezu intellektuellem Gebiet geht es wieder zu den mehr kindertümlichen,, Mobilen Figuren", also den ausgeschnittenen Hampelmännern, den Militärparaden undModeschauen.

Wie eine Umleitungstafel mutet der nächste Abschnittstitel an: Die Volkskunstzieht den Faltschnitt vor". Das klingt gut, sogar alliterierend, will aber doch überlegt sein:Die gefaltet geschnittenen Liebesbriefe, die Alpfahrten des Berner Oberlandes, diesteirischen Jägerbilder, sie sind also offenbar Volkskunst" im engeren Sinn in einersolchen Darstellung. Die anderen dagegen- ja das ist eben ein weites Mischgebiet.,, Wiener Mandlbogen", wie sie im nächsten Abschnitt bei den verschiedenen Kinder-belustigungen des Ausschneidens dargestellt werden, gehören mit einer Seite doch demKommerz an, Trentsensky hat damit für seine Zeit ein beachtliches Geschäft gemacht. Dievon ihm beschäftigten Künstler haben aber ihre biedermeierlichen Kenntnisnahmen desVolkslebens rund um Wien doch kräftig sprechen und ansprechen lassen, innerhalb der,, Medien von damals eine sehr bemerkenswerte Erscheinung. Man sieht, da ergeben sichweitere Perspektiven. Jedenfalls schließt nun die Darstellung der Papiertheater an, ein inden letzten Jahren vielfach behandeltes Thema. Daran der typisch dem 19. Jahrhunddertangehörige Versuch Die Welt aus Papier nachzubauen. Papier statt Ankersteinbau-kasten, im Kinderzimmer weniger Platz einnehmend.

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