wesentlichen nach dem Mannhardt- Nachlaẞmaterial, als ihre Studien zur Großstadtvolks-kunde und zum Weiterwuchs so mancher Züge und Komplexe in der Gegenwartsvolks-kunde, für die Frau Weber- Kellermann wie fast alle ihre Berliner Zeitgenossen, ältere undjüngere, ein offenes Auge gehabt haben. Ihre Marburger Antrittsvorlesung„ DerBerliner" weist in gewandter Essayistik auf dieses ganze große Thema der Großstadt-volkskunde hin, und mit so manchen kürzeren Abhandlungen wie denen zu ,, Mode undTradition" oder„ Zur Innovation am Beispiel eines Trachtenstückes"( Lederhose) hat sieimmer wieder in diese Richtung weitergewiesen. Das kommt alles in diesem Sammelbandvielleicht stärker zur Geltung als es bei der Lektüre der jeweiligen Einzelabhandlungen anganz verschiedenen, manchmal wohl auch etwas versteckten Stellen der Fall war. Einigekleinere Abhandlungen sind wohl auch bisher überhaupt nicht veröffentlicht gewesen, soder Rundfunkvortrag von 1971 über den Weihnachtsbaum, ein Beitrag„ Zur Sozialge-schichte eines Festsymboles". Da ist übrigens schon im Titel jene Bindung zum ,, Sozialen"enthalten, die in den letzten zwanzig Jahren für die Arbeiten von Frau Weber- Kellermannimmer bezeichnender geworden ist.
Adelhard Zippelius hat im Anhang eine hübsche Würdigung der Forscherinversucht. Er bespricht darin begreiflicherweise auch ihr Verhältnis zu ihrem großen LehrerAdolf Spamer, man spürt wieder einmal, wie bedeutend dessen Einfluß auf seine wenigen,aber durchwegs fachlich wichtig gewordenen Schüler gewesen sein muß. In diesemZusammenhang fällt( S. 201) einmal ein bezeichnender Satz über Spamer: ,, Und wenn dieSoziologie in jener Zeit nicht so gänzlich aus dem wissenschaftlichen Bereich ausge-schlossen worden wäre, er hätte sie mit Sicherheit in seine Arbeit sehr intensiv einbe-zogen. Das mag sehr wohl so scheinen. Spamer hat schließlich auch die Psychologie,weil sie damals gar so en vogue war, mit einbezogen. Und heute? Niemand wagt es doch,von psychologischen Erklärungen volksmäßiger Phänomene auch nur zu reden, so sehr istdas alles aus der Mode gekommen. Und genau so wird es mit der Soziologie gehen: Nochist sie ein bißchen in Mode, auch wenn der Hauptstrom längst vorübergerauscht ist. Werseine Arbeiten mit ihrer Terminologie aufgeputzt hat- und mehr ist es ja meistens garnicht gewesen- der wird das Veralten der ganzen Richtung selbst noch erleben. Und ander kulturhistorischen Volkskunde, wie sie bei uns einfach weitertradiert wird, ist das allesvorübergegangen, und es steht zu hoffen, daß die Materialien und Resultate, die damitgewonnen wurden, diese und andere Moden überleben.
Auch so etwas drängt sich auf, wenn man den schmalen Band liest, der an sich durch-aus verdienstlich erscheint.
Leopold Schmidt
FRITZ MARKMILLER, Katalog zur Ausstellung Wallfahrt imVolksbarock( in: Der Storchenturm. Geschichtsblätter für die Landkreiseum Dingolfing, Landau und Vilsbiburg. 1977, Heft 24). Dingolfing 1978, Stein-weg 4.
Da es sich um die nächste niederbayerische Nachbarschaft handelt, sei wieder einmaldarauf hingewiesen: Unter dem Obertitel ,, Der Storchenturm" gibt Fritz Markmiller inDingolfing eine ganz ausgezeichnete Heimatzeitschrift heraus. Das Heft 24/78 ist ganz derin Dingolfing durchgeführten Ausstellung„ Wallfahrt im Volksbarock" gewidmet.Markmiller selbst gibt eine Anzahl wichtiger Beiträge, und zwar über die Wallfahrts-prozessionen von Stadt und Pfarrei Dingolfing, über die Dreifaltigkeits- undSalvator- Wallfahrten im Raum Dingolfing- Landau- Vilsbiburg und zur Baugeschichtevon Maria- Loreto in Angerbach. Besonders wichtig ist der Beitrag von Anton Bauerüber die Corona- Verehrung im Dingolfinger Bereich, der die eine zeitlang auch von unsbetriebene Corona- Forschung fruchtbar fortsetzt. Schön der Beitrag von LambertGrassmann über Bildquellen zur Baugeschichte der Wallfahrtskirche Maria Hilf inVilsbiburg.
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