Jahrgang 
81 (1978) / N.S. 32
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Grundzüge und Probleme heutiger Volks-medizinforschung in den Ostalpen

Von Elfriede Grabner

Über*) Grundzüge und Probleme heutiger Volksmedizinforschungzu sprechen, wie ich es in einer kurzen Darstellung versuchen möchte,scheint in einer Zeit der Verunsicherung der Geisteswissenschaften, un-ter der besonders unsere volkskundliche Disziplin leidet, nicht ganzleicht. Daß es sich dabei um eine schwierige Materie handelt, beweistschon die Tatsache, daß volksmedizinische Vorlesungen verhältnismä-Big selten gehalten werden. So wurde z. B. an der Grazer Lehrkamzel,die ich hier besonders im Auge habe, letztmals im Wintersemester1958/59 von Leopold Kretzenbacher, der damals noch als ao.Professor an der Alma Mater Graecensis" lehre, ein einstündigesKolleg über Volksmedizin gelesen. 15 Jahre lang gab es dann in derGrazer Volkskunde keine volksmedizinische Themenstellung mehr.Erstmals im Wintersemester 1973 habe ich im Rahmen eines Lehrauf-trages versucht, auf den Grundlagen meiner eigenen mehrjährigen Be-schäftigung mit diesem Spezialgebiet, eine Einführung in die Problemedieses so sehr vernachlässigten Teilbereiches der Volkskunde zu geben.Seither konnte ich diesen Lehrauftrag in weiteren Vorlesungen mit er-gänzenden Materialien ausbauen.

Zur Forschungsgeschichte dieses Spezialgebietes derVolkskunde ist einiges vorauszuschicken. Die Volksmedizin trat ver-hältnismäßig spät in den Gesamtbereich volkskundlicher Forschung undwurde von dieser sehr lange nur wenig beachtet. Erst um die Mitte des19. Jahrhunderts findet sie im deutschen Sprachraum ihre erste wissen-schaftliche Entfalgung. Es waren fast ausschließlich Ärzte, die um dieseZeit die Volksmedizin als besonderes Forschungsgebiet hervorgehobenhaben. Einer der ersten und dies wird vielfach übersehen- war derRostocker Arzt Georg Friedrich Most, der 1843 eine Ency-klopädie der gesamten Volksmedicin( Leipzig 1843) herausbringt, dieübrigens vor kurzem von der Akademischen Druck- und Verlagsanstaltin Graz einen unveränderten Nachdruck erfuhr¹). Nach Flügels Volksmedizin und Aberglaube im Frankenwalde( München 1863)

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*) Gastvortrag vom 30. Mai 1978 am Institut für deutsche und vergleichende Volks-kunde der Universität München.

¹) G. F. Most, Encyklopädie der gesamten Volksmedicin. Leipzig 1843. Neudruckmit einer Einleitung von K. Frick und H. Biedermann, Graz 1973.

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