Jahrgang 
81 (1978) / N.S. 32
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Märchen aus dem Kaukasus. Herausgegeben von Isidor Levin. Übersetztvon Gisela Schenkowitz. Düsseldorf- Köln 1978, Eugen Diede-richs Verlag. 320 Seiten. DM 26,.

Den Märchen der vielen Völker des Kaukasus hat die Sammlung Diede-richs schon bald nach ihrer Gründung einen ganz vorzüglichen Band gewidmet:Adolf Dirr, Kaukasische Märchen, ausgewählt und übersetzt. Jena 1920. Aufdieses Werk des Münchner Kaukasisten hat sich unsere Kenntnis Jahrzehntehindurch gestützt, und es wäre denkbar gewesen, wenn der Band einfach wiederaufgelegt worden wäre.

Aber die heute in der Sowjetunion betriebene Märchenforschung hat offen-bar Wert darauf gelegt, daß einer ihrer führenden Forscher von heute den Bandvöllig neu machen möge, und so ist diese sehr genau gearbeitete Auswahl vonIsidort Levin erschienen, welche mit Nachwort, Quellenverzeichnis und Anmer-kungen den Inhalt erschließt. Levin ist bei der Form der Kommentierung vielerfrüherer Bände geblieben, welche die Angabe der internationalen Typen- Num-mern miteinschließt.

Der Band beweist, daß Isidor Levin ein Meister der Märchenforschung ist.Das sehr vielseitige, sehr klar geschriebene Nachwort versucht in gebotenerKürze Geschichte und Kulturgeschichte der Kaukasusvölker nachzuerzählen,mit deutlich ironischem Abstand gegenüber vielen gerade an den Kaukasus-völkern versuchten Theorien. Da fallen die Streiche gegen die Topoi der altenEthnographie" ganz schön dicht, selbstverständlich gegen das, sich selbst ähn-liche Volk", das einer bestimmten Landschaft durch Blut und Boden" orga-nisch" entwachsen sei( S. 292) und ähnliches mehr. Den Märchenforscher freuteben die ,, nationale Individualität" nicht, glaubt er doch die übernationalen Zügeweit stärker zu spüren. Er fühlt das Romantische an einem hypostasiertenGeist der Nation", dem angeblichen Schöpfer aller Werte"( S. 293). Es geht damanchmal recht hart her: Die positiven Personen- sc. des Märchens gel-ten als Repräsentanten der eigenen Nation bzw. deren werktätiger Klasse, oderauch als Personifikation der nützlichen Naturkräfte. Die negativen Gestalten hin-gegen werden selbstredend als Vertreter der feindlichen Nation bzw. der Aus-beuterklasse oder auch als Verkörperung der noch nicht bezwungenen Natur-kräfte gedeutet." Levin stellt sich abseits von solcher Schwarzweißmalerei"und versucht philologisch und historisch gerecht zu sein, wobei er die vielfachangeschnittenen Fragen von Monogenese" und Polygenese" auch überlegenbehandelt, und ,, ahistorische Lehren" ablehnt( S. 294). Seine Schlußfolgerung ausder Geschichte der kaukasischen Märchenforschung lautet jedenfalls: Die Be-völkerung Kaukasiens ist eine geographisch offene, historisch gewachsene Kul-turgemeinschaft, sie hat am eurasischen Märchenrepertoire teilgenommen. IhrErzählgut ist lokal, epochal und sozial bedingt, es ist national nicht zu ent-flechten."( S. 296).

Die schöne Sammlung mit ihren genau gearbeiteten Nachweisen stellt alsodarüber hinaus ein sehr nachdenklich geschriebenes Werk dar, das nicht nurder Märchenforschung angehört, sondern von der ganzen Volkskunde zur Kennt-nis genommen werden sollte.Leopold Schmidt

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