Bei der großen Freude am ländlichen bemalten Möbel, das heute allent-halben festzustellen ist, wird auch eine solche Ortsmonographie gern begrüßtwerden, wenn auch vielleicht mehr von Privatsammlern als von Büchereien.Fachlich bleibt der dargebotene Stoff selbstverständlich sehr wichtig.
Leopold Schmidt
Heinz Rölleke( Hg.), Märchen aus dem Nachlaß der BrüderGrimm. Herausgegeben und erläutert(= Gesamthochschule Wuppertal,Schriftenreihe Literaturwissenschaft, Bd. 6) 111 Seiten. Bonn 1977, Bouvier-Verlag Herbert Grundmann. DM 18,-.
Man ist es langsam gewohnt, in der Märchenpublikation immer wiederBände zu begegnen, die„ Märchen vor Grimm" oder„ Märchen nach Grimm”sind, und selbstverständlich auch Märchen, die auf handschriftliche Fassungenzurückgehen, die vor die endgültigen Ausgaben der„ Kinder- und Hausmärchen"zurückgehen. In diese Gruppe gehört der vorliegende schmale Band mit seinen48 Texten, die sich im Grimm- Schrank der Preußischen Staatsbibliothek be-finden, wo sie vor allem Johannes Bolte, aber auch Karl Schulte- Kemminghausen,Kurt Schmidt und Wilhelm Schoof fanden und herausgaben. Nun liegt eineAusgabe dieser seinerzeit von den Brüdern Grimm weggelegten handschrift-lichen Fassungen vor, welche für die Märchenforschung sicherlich von Bedeu-tung ist. Die Texte sind genau im Sinne einer germanistischen Textkritik heraus-gegeben, mit Hilfe der namentlich angeführten Mitglieder des Seminars Röllekesin Wuppertal. An die Texte sind genaue Herkunftsangaben angeschlossen, welchenicht nur die bisherigen Abdrucke nachweisen, sondern auch über Herkunftund Stellung der einzelnen Erzählungen Aufschluß geben, von denen etwa einDrittel Sagen und Legenden sind. Für die österreichische Märchenforschungs-geschichte ist es von einer gewissen Bedeutung, daß als Nr. 1 der„ König Eisen-hütl" veröffentlicht erscheint, den 1815 der Wiener Romantiker Georg PassyJacob Grimm übergeben hat, nach einer alten Frau in Wien" als Gewährs-person. Aber auch dieses gut erzählte und mündlich tradierte Märchen geht dochauf die italienische Schwanktradition, also auf Boccaccio( II, 5) und Basile( III, 4)zurück, weshalb es die Brüder Grimm wohl zurückgestellt haben mögen. In denHandschriften kommen viele damalige Freunde der Brüder Grimm zur Geltung:Anna von Haxthausen ebenso wie Jenny von Droste- Hülshoff, Ludwig Aur-bacher und der Sohn Wilhelms, also Hermann Grimm, sowie der GermanistKarl Goedeke. Das schmale Buch gewährt also auch einen gewissen Einblickin die geistige Welt der Menschen um die Brüder Grimm, die an ihrem großenWerk doch beträchtlichen Anteil hatten.Leopold Schmidt
Heinz Rölleke, Der wahre Butt. Die wundersamen Wandlungen des Mär-chens vom Fischer und seiner Frau, vorgestellt und erläutert. 104 Seiten,mit 22 Abb. Köln- Düsseldorf 1978, Eugen Diederichs Verlag. DM 14,80.Das Erscheinen des umfangreichen Romanes„ Der Butt" von Günter Grasshat Verfasser und Verlag angeregt, die Sammlungs- und Forschungsgeschichtedes Märchens vom Fischer und seiner Frau in einer kleinen Monographie dar-zustellen. Das Märchen ist einstmals von Philipp Otto Runge aufgezeichnet wor-den, und man muß nach erneuter und wiederholter Lektüre doch wohl sagen:nicht nur aufgezeichnet, sondern künstlerisch gestaltet, ganz einzigartig stili-siert, und mit bestimmten Kunstgedanken des großen Malers durchsetzt. Denndie herrlichen Beschreibungen des Farbwechsels des aufgebrachten Meeres stim-men offenbar mit jenen Gedanken überein, die Runge dann in seiner„ Farb-kugel" auszuführen versucht hat.
Das steht aber hier nicht im Vordergrund, Rölleke hat die AufzeichnungRunges an den Anfang einer kleinen Reihe von Fassungen des gleichen Mär-
236