Literatur der Volkskunde
Magyar Néprajzi Lexikon. Herausgegeben von Gyula Ortutay. Bd. I: A— E.Budapest 1977, Akadémiai kiado. 752 Seiten, mit zahlreichen Abb. im Textund auf Farbtafeln.
Die in Ungarn betriebene Volkskunde ist bekanntlich seit Jahrzehnten einevorzüglich konsolidierte Wissenschaft, mit bedeutenden Sammlungs- und For-schungsstätten, mit Museen und Lehrkanzeln, und mit bedeutenden Fachver-tretern an allen diesen Stellen. Es ist und bleibt nicht ganz leicht, dem Gangder ungarischen Volkskunde zu folgen, weil ein beträchtlicher Teil der überauszahlreichen Veröffentlichungen selbstverständlich in ungarischer Sprache er-scheint. Aber Übersetzungen und Auszüge gewähren doch immer wieder wich-tige Einblicke in diese so sehr intensiv geführte Forschung.
Diese ungarische Forschung hat es auch immer verstanden, in gewissenZeitabständen zusammenfassende, überschauende Darstellungen zu veröffent-lichen. Mehrbändige Volkskundewerke, immer in ungarischer Sprache habendie eingebrachte Materialfülle überschaubar gemacht, beispielsweise das vonZsigmond Batky und Istvan Györffy gestaltete große Werk in vierBänden.
In der Gegenwart, die eine ganze Reihe von glanzvollen Namen der For-schung in Ungarn aufweist, hat man sich abermals entschlossen, ein derartigesWerk herauszubringen. Der Initiator und erste Herausgeber, Gyula Ortutay istleider gerade zum Zeitpunkt des Erscheinens des I. Bandes dieses„ UngarischenVolkskunde- Lexikon" gestorben. Aber neben ihm stehen auf dem Titelblatt dieNamen: Tibor Bodrogi, Vilmos Dioszegi( †), Edit Fél, Béla Gunda, Laszlo Kosa,György Martin, Eva Pocs, Benjamin Rajetzky, Istvan Talasi und Istvan Vincze,und so weiß man, daß die Redaktion auch weiterhin in guten Händen liegt, unddaß von diesen Herausgebern sicherlich die besten Fachleute für die Erstellungder Einzelartikel gewonnen wurden. Ein kurzer Blick auf die Artikel dieses I. Ban-des beweist es sofort, wenn man bei den Artikeln über Möbel selbstverständlichKlara Csillery als Verfasserin findet, bei den Volkserzählartikeln AgnesKovacs usw.
Dieses Lexikon ist also eine große wissenschaftliche Leistung, mit ihmwird der Stand der Forschung zu den einzelnen Gebieten, aber auch zu denEinzelerscheinungen von Haus, Gerät, Brauch, Tanz usw. dargetan. Die reicheBebilderung bezeugt, wie sehr man sich seit Jahrzehnten mit allen diesen Teil-gebieten beschäftigt hat, und die bei jedem Artikel nachgewiesene Literatur tutdies zugunsten der fachlichen Weiterarbeit ebenfalls in reichem Ausmaß.
Wie seine Vorgänger in früheren Jahrzehnten ist auch dieses UngarischeVolkskunde- Lexikon, das übrigens auch biographische Artikel über die einzelnenfrüheren Forscher bringt, in ungarischer Sprache verfaßt. Das ist für Ungarnselbstverständlich, für die nichtungarische nachbarliche Forschung dagegen frei-lich ein bedeutendes Hindernis für die Benützung. Man hört deshalb mit Ver-gnügen, daß eine deutsche Ausgabe geplant ist, und in nicht allzuferner Zeiterscheinen soll. Gerade wir als direkte Nachbarn, immer mit der ungarischenVolkskunde in besten Beziehungen stehend und ihre Leistungen nicht nur aner-kennend, sondern vielfach bewundernd, möchten uns diese deutsche Ausgabemöglichst bald wünschen.Leopold Schmidt
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