Ein Glücksbrief von 1978
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in englischer Sprache
Von Linda Schuller
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Glücksbriefe erhalte ich möglicherweise als Folge des Kontak-tes mit einem in mancher Beziehung prädisponierten Personenkreisalle paar Jahre einmal ¹). Der jüngste enthält wie alle eine Berufungauf einen Mittler zu außerirdischen Mächten, hier einen Missionar,Glücksverheißung für den Fall, daß man die Kette nicht unterbrichtund Drohungen auch die Schilderung von Todesfällen für den-jenigen, der die Sache nicht ernst nimmt, den Brief nicht weiterleitenwill oder nicht fortzusetzen wagt. Auch den Gefahren eines Kriegesausgesetzte Empfänger, weit von zu Hause lebende Militärs etc., wer-denwie meist in solchen Fällen erwähnt. Am Geist des Ketten-briefes hat sich nichts geändert. Neu an diesem Exemplar ist das Er-scheinungsbild um seinetwillen möchte ich hier berichten; sozu-sagen unter dem Motto„, Technik und Automatisation", weltweites Wir-kungsvermögen und selbstbewußt abgelegte natürliche Scheu habendurchaus nicht Aufgeklärtheit zur Folge.
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Es handelt sich bei dem Glücksbrief, den ich am 4. Mai 1978 miteinem Wiener Aufgabestempel erhielt, nicht wie bislang um eine hand-geschriebene, bittliche Aufforderung zum dreimaligen Abschreiben.Die Anregung hat mehr fordernden Charakter, ist maschingeschrieben,mechanisch vervielfältigt, befiehlt zwanzigfache Weiterleitung, wasimmerhin derzeit ein Porto von 60 Schillingen kosten würde, beruftsich auf Südamerika, ist in der weltweit verständlichen englischenSprache gehalten... Wie wir heute eventuell die Heimatfilme aus demWesten Nordamerikas und die Unterhaltungsmusik aus dem InnerenAfrikas beziehen, so genügt auch ein Glücksbrief mit Berufung aufMaria Zell nicht mehr. Und das, glaube ich, ist ein volkskundlichinteressantes Phänomen.
1) Vgl. Linda Schuller, Ein Glücksbrief anno 1970 in der Großstadt( ÖZV XXIV/ 73, 1970, S.229 f.).
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