Jahrgang 
81 (1978) / N.S. 32
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Man nimmt eine solche Sammlung von Vorträgen, besonders wenn sie ausdem Englischen übersetzt sind, zunächst mit einer gewissen Vorsicht zur Hand.Weiß man doch, daß anglo- amerikanischen Autoren so manche Literatur ver-schlossen ist, daß sie zumal die deutschsprachige Literatur meist gar nichtkennen oder doch nicht gern zitieren.

Aber diese Vorträge, die 1972 an der Universität von Cambridge gehaltenwurden, haben doch ein beachtliches Niveau. Die alten Weltbildvorstellungen derÄgypter, der Sumerer und Babylonier, der Juden, der Frühen Chinesen,der Inder, der Mohammedaner Glossar ::: zum Glossareintrag  Mohammedaner und der Griechen werden jeweils von prominen-ten Fachleuten abgehandelt, vielseitig, aber nicht populärwissenschaftlich. Ineinigen Fällen wird man auch von unserer Seite her einen gewissen Gewinn ver-buchen können. Die Darstellung der kosmologischen Vorstellungen der Skandi-navier" von H. R. Ellis Davidson ist nicht nur vielseitig, sondern be-rücksichtigt so manches Fundmaterial, besonders angelsächsisches, das bisherkaum schon eingearbeitet war, und versucht sich auch mit deutschen Arbeitenwie etwa jenen von Karl Hauck auseinanderzusetzen. So wenig klar diese zumTeil wohl nur örtlich, etwa in Island oder auch in England geltenden Vorstel-lungen gewesen sein mögen, man kann sich auch an Hand der hier zitiertenLiteratur doch ein gewisses Bild zumindest vom Stand der Forschung machen.Und einen angenehmen Abschluß bildet die Vorlesung von Philip Griersonüber Das europäische Erbe", welche die allmähliche Wandlung der Weltbild-vorstellungen im christlichen Mittelalter auszubreiten versucht. Sicherlich bleibenda manche Fragen offen, und ein Beitrag über die Weltbildvorstellungen in derVolksüberlieferung, vor allem im europäischen Märchen, wäre willkommengewesen. Aber das war offenbar in Cambridge nicht zu machen, die Volkskundehat in England bei weitem nicht jene Geltung, die dort der hochangesehenenReligionsgeschichte zugemessen wird.Leopold Schmidt

Märchen der Weltliteratur, Neue Bände: Eugen Diederichs Verlag, Köln. JeDM 26,-.

Märchen der Niederlande. Herausgegeben und übersetzt von A. M. A. Cox-Leick und H. L. Cox. 272 Seiten. 1977.

Märchen ans Papua- Neuguinea. Herausgegeben und übersetzt von UllaSchild. 269 Seiten. 1977.

Es ist schon bewundernswert, wie in dieser altangesehenen Reihe immerwieder neue Bände erscheinen, und so mancher davon sich als wichtige Berei-cherung der Märchenliteratur erweist. Nicht etwa der Weltliteratur", wie derReihentitel etwas irreführend verheißt. Die Märchen und ihre nächsten Ver-wandten nehmen nun einmal eine eigene Stellung ein, die man mit Literatur"kaum umschreiben kann. Mündliche Tradition, also ,, oral tradition" sind siewohl weitgehend, werden aber zumindest in Europa doch auch wieder vongedruckten Vorlagen beeinflußt. Mit einer einfachen rationalen Definition istihnen schlechterdings nicht beizukommen. Aber wesentlich ist in diesem Zusam-menhang doch nur, daß einzelne Bände dieser großen Reihe immer wieder beson-deres Gewicht haben.

Das trifft zweifellos auf den Band der Niederländischen Mär-chen" zu, um den sich der derzeitige Ordinarius für Volkskunde an der Uni-versität Bonn und seine Frau angenommen haben. Märchen, Schwänke undLegenden gibt es im niederländischen Sprachgebiet, also in Holland wie in Bel-gien, sehr viele, und es gibt darüber auch seit langem schöne Sammlungen,Kataloge und sonstige Aufarbeitungen. Freilich größtenteils in niederländischerSprache und daher bei uns doch nicht in jenem Maß bekannt, das ihnen gebüh-ren würde. Die erste wichtige Sammlung ist freilich 1845 schon in deutscher

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