gann sich nun das Dorf in stärkerem Maß sozial zu differenzieren alses vorher durch die ständische Gegenüberstellung von Adel und Unter-tan möglich war. Denn es liegt bis heute in der Eigenart der öster-reichischen Landwirtschaft, daß nur ein relativ kleiner Prozentsatz derBauern über Wirtschaftsmöglichkeiten verfügt, die eine dem herrschen-den wirtschaftlichen System entsprechende Kapitalbildung gestatten,während sie bei der Mehrheit im großen und ganzen nur wenig mehreintragen als zur Selbsterhaltung reicht. Nach einem relativ kurzen,optimistischen Aufschwung der bäuerlichen Landwirtschaft nach 1848als legistischem Nachvollzugstermin realer sozioökonomischer Tenden-zen wurde diese Mehrheit bald von einer Reihe bekannter und sicheinander bedingender Faktoren wieder in ihren Möglichkeiten ein-geschränkt: Die Steuer- und Hypothekenbelastung erreichte bald dasAusmaß der früheren Abgaben( wucherische Kreditpraktiken und derBörsenkrach 1873 trugen das Ihre bei); besonders in Ostösterreich undden angrenzenden Gebieten( die nachmaligen Länder Slowakei undBurgenland etwa) griff die Besitzzersplitterung nach Aufhebung derErbteilungsvorschriften um sich, Einfuhr billigen Getreides führte zumPreisverfall, die Industrie zog billige Arbeitskräfte ab, für eine Techni-sierung oder Rationalisierung fehlte das Kapital usf. Viele waren ein-fach der notwendig gewordenen Kalkulierung nicht gewachsen. Dieselatente Agrarkrise 82) wurde noch dazu durch politische Erwägungenaufrechterhalten 83) und führte so auch kulturell zu einem gewissenZwangskonservativismus.
Hier schließt sich wiederum der Kreis zu unserem„ Kinderaus-tausch" und„, Böhmisch- Lernen": Jetzt wird verständlich, warum diesekulturelle Norm gesellschaftlichen Handelns nur in den wohlhabendenKreisen denkbar ist. Nur in dieser besitzenden Klasse des Dorfes( undnatürlich auch auf den Gutshöfen), die noch dazu im Weinviertel durchgünstige natürliche Voraussetzungen über eine gewisse Differential-rente 84) gegenüber anderen landwirtschaftlichen Gebieten verfügten,konnte ein genügendes Mehrprodukt auf die Bauernmärkte gebrachtwerden, der zusätzliche Weinbau galt überdies immer als profitträchti-ger. Die rapid wachsenden Städte boten neue Absatzmöglichkeiten.Durch die Grenzlage war es aber auch im Sinne der Profitmaximierungnotwendig, auf Märkten im fremdsprachigen Gebiet zu verkaufen. Mitdem Profit konnte man aber wieder, soferne er nicht reinvestiert wurde,
82) Renner, a. a. O., S. 40; Matis, Nationalitätenfrage, S. 175.Endres, Geschichte, a. a. O., Bd. 4, S. 27; Gross, Stellung, a. a. O., S. 9;Tremel, Der Binnenhandel und seine Organisation. In: Habsburgermonarchie,a. a. O., S. 386; Dinklage, Landw. Entwicklung, a. a. O., S. 420 ff.;Feigl, a. a. O., S. 338 ff.
83) Matis, Leitlinien, a. a. O., S. 47 f.
84) Ehlert, a. a. O., S. 207 f.
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