Jahrgang 
81 (1978) / N.S. 32
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Gepflogenheiten verwechselt werden, Kinder aus armen Familien oderWaisenkinder zeitweilig oder auf Dauer anderen Familien zu über-geben, damit sie, aus der Schüssel" seien, und wo sie dann mehr oderminder wie Arbeitskräfte behandelt wurden. Zwischen diesen pseudo-karitativen Fürsorgeformen und unserem Kinderaustausch besteht vorallem ein klassenspezifischer Unterschied 51).

Neben der Gruppe der Tauschkinder aus besitzenden bäuerlichenKreisen tritt eine nicht minder klar umreißbare Gruppe zahlenmäßigeher zurück( soferne meine Umfrage überhaupt repräsentativ ist): DieAustauschkinder aus Handwerks- und Gewerbemilieu. Hier darf derAustausch jedoch nicht mit der berufsbildenden Lehrzeit nach derSchulentlassung verwechselt werden, wenngleich es vielfach zu einerZweckverbindung kam: Man schickte auch Lehrlinge zu Meistern imanderssprachigen Gebiet, damit sie neben dem Beruf zugleich dieandere Sprache lernten. Aber gewöhnlich ging der Kinderaustauschder Lehrzeit schon voraus.

Es wurden in unserem Material vor allem zwei Berufe genannt:Beim Gastgewerbe ist der Wunsch, die Sprache der einkehrenden Nach-barn zu beherrschen, naheliegend; vor allem wenn es sich um einenGarnisonsort handelte 52). Das Gastgewerbe in den kleinen zentralenOrten profitierte in einer Zeit, in welcher der moderne Sozialtourismusnoch kaum jene ländlichen Bereiche und Gesellschaftsschichten erreichthatte, zur Hauptsache von den Märkten. Hingegen wird der Kinderaus-tausch gerade in den mehrfach genannten Fleischhauerfamilien wahr-scheinlich durch den Viehhandel im Grenzbereich mit einer Reihe vonViehmärkten überregionaler Bedeutung und wachsenden Städten alsAbsatzgebiet verständlich.

Man wird also bei der Verbreitung und Begründung des Kinder-austausches besonders die jeweiligen mikroökonomischen Bedingungenzu berücksichtigen haben: Im Weinviertel dominierte das Interesse anausländischen Erntearbeitern. Im Waldviertel tritt es zurück, weil mansich hier auf Grund der durchschnittlich weit kleineren und ertrags-ärmeren Wirtschaftsgrößen diese gar nicht leisten konnte. Bei einerallgemein zunehmenden Bevölkerungszahl konnte man hier im Bedarfs-fall auf eine eigene Landarbeiterreserve von Häuslern", Kleinbauernund Mitbewohnern( die sich außerhalb der Saison vor allem mit Haus-industrie durchbrachten) zurückgreifen und lieferte selbst Saisonarbei-ter ins benachbarte Weinviertel und das Alpenvorland südlich der

51) Dies sei deshalb betont, weil ich selbst mehrfach im Grenzbereich fest-stellen konnte, daß man gelegentlich tschechische Waisenkinder adoptierte; Haupt-motiv scheint aber, wie mir öfters angedeutet wurde, die staatliche Unterstützungals fixes Geld- Einkommen ärmerer Waldviertler Familien gewesen zu sein, dienicht selten selbst schon genügend Kinder hatten.

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52) Mitt. Fr. Margot Zeithammer für Eisenstadt( Burgenland).