Umfrage mit, daß der„, Wechsel" im niederösterreichisch- tschechoslo-wakischen Grenzbereich spätestens 1918 mit dem Zusammenbruchder Österreichisch- Ungarischen Monarchie und der politischen Isolie-rung der Nachfolgestaaten, nicht zuletzt eben durch die Entwicklungder sogenannten Nationalitätenfrage in der Habsburgermonarchie 48)zum Erliegen kam. Die Waldensteiner Angabe läßt vermuten, daßgegen Ende jenes Zeitabschnittes als Folge dieser unglücklichen, staats-politisch- wirtschaftlichen Entwicklung schon ziemliche nationale Res-sentiments zwischen Tschechen und„ Deutschen" sogar( und wegender Arbeitsplatzkonkurrenz gerade auch) in den unteren Sozialschich-ten spürbar gewesen sein müssen. Eine Angabe aus Waidhofen an derThaya streitet aus politischen Erwägungen entschieden( aber zu Un-recht)„ Kinderwechsel" und„ Böhmisch- Lernen" ab, wobei starknationale Resentiments in der Diktion spürbar sind, die nicht weitersverwundern, wenn man bedenkt, daß einerseits hier Georg von Schö-nerer als Begründer der Großdeutschen Partei beheimatet war, undandererseits die Živnostenská Banka pro Čechy a Moravu durch dieFinanzierung von Wirtschaftsankäufen eine Slawisierungspolitik ent-lang der Grenze betrieb, die damals allerdings mit umgekehrten Vor-zeichen durchaus auch seitens der anderen„ Nationen" des Vielvölker-staates üblich war. In diese Zeit passen dann Slogans wie ,, Juden undBöhm' sind nicht genehm" oder geringschätzige Äußerungen, wie sieeiner meiner Informanten sogar im Hinblick auf den Kinderwechselsinngemäß etwa zu hören bekam: Ja, die Böhm' haben sogar die Kin-der getauscht..
Bevor wir auf die Begründung des Kinderaustausches eingehen,scheint es mir wegen des unverkennbaren Zusammenhanges notwen-dig, in wesentlich schärferer Form, als dies bisher gewöhnlich dieältere Volkskunde mit ihrem je nach Bedarf dehnbaren Volksbegriffgetan hat, die soziale Stellung der Austauschkinder aufzuzeigen, weilsonst ein richtiges gesellschaftswissenschaftliches Verständnis dieserErscheinung einfach unmöglich ist.
48) Dazu vor allem Hugo Hantsch: Die Nationalitätenfrage im altenÖsterreich. Das Problem der konstruktiven Reichsgestaltung. Wien 1953(= Wie-ner Historische Studien, Bd. 1). Robert Kann: Das Nationalitätenproblem derHabsburgermonarchie. Geschichte und Ideengehalt der nationalen Bestrebungenvom Vormärz bis zur Auflösung des Reiches im Jahre 1918. Graz 1964, 2. Aufl.(= Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft Ost, Bd. 4). Matis: Natio-nalitätenfrage. A. a. O. Dazu die Feststellung desselben, daß ältere Forschungenzu wenig den sozialökonomischen Aspekt der Nationalitätenfrage berücksichtigten,wenngleich„, wirtschaftliche Faktoren selbstverständlich nicht primär” seien.Jedenfalls lehnt er Vorstellungen ab, daß etwa„ stets außerwirtschaftliche, bluts-mäßige, seelisch, geistig bedingte Antriebe die nationalen Kämpfe hervorrufen"( S. 171).
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