Bildstöcke im Bild
Ein Überblick über die bildkünstlerische Darstellung von Bildstöckenvom 15. bis zum 19. Jahrhundert
Von Leopold Schmidt
In der frühen Blütezeit der Bildstöcke, als die gotischen Licht-säulen errichtet wurden, gab es keine Tendenz zum Abbilden derWirklichkeit. Wenn Gegenstände der Realität ins Bild, das heißt aufAltartafeln, auf Votivbilder oder auch in Miniaturen der Buchmalereiaufgenommen werden, dann nicht als Wiedergabe der Wirklichkeit,wofür ja keine Veranlassung gegeben gewesen wäre, sondern in eineman der Grenze zwischen Symbolik und Realität stehenden Bezug. Daserste Anzeichen einer derartigen Darstellung findet sich dementspre-chend in der flämischen Buchmalerei, die ja auch die ersten halb nochsymbolischen Landschaftsdarstellungen geschaffen hat. Es handelt sichum ein Blatt aus den„ Très Riches Heures", dem Stundenbuch desHerzogs Jean de Berry, das in der Werkstatt der Brüder Paul, Hermannund Hänschen von Limburg 1411 begonnen wurde. Es ist das Blattmit der Begegnung der zu Pferd einherreitenden Drei Könige ¹). An derBegegnung ihrer Wege steht ein mächtiger gotischer Bildstock vonLichtsäulenart, nahe verwandt etwa den Spinnerinnenkreuzen vonWien und von Wiener Neustadt. Während diese wirklichen Bildstöckeaber in ihren Nischen und auf ihren Fialen Gestalten der christlichenHeilslehre und Legende vorweisen, stehen in den Nischen diesesfiktiven Bildstockes am Treffpunkt Figuren von heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag heidnischen Göttern―, begreiflicherweise, denn der christliche Heiland ist ja eben erstgeboren worden. Die angebliche Wirklichkeitsnähe ist von den hoch-gebildeten flämischen Malern also bewußt verfremdet, was den ansonsteigentlich krassen Anachronismus aufhebt.
Dreiunddreißig Jahre später, wenn man den Datierungen trauendarf, findet sich zu der flämischen Miniatur ein merkwürdiges Gegen-stück in Bayern. Der gotische Flügelaltar von Polling, dem Jahr 1444zugewiesen, enthält unter anderem eine Weihnachtstafel 2). Sie zeigt
1) Farbabbildung in: Fritz E. Hallwag( Hg.), Die Jahreszeiten. Fünf-undzwanzig Meisterwerke alter Buchmalerei. Berlin 1942. S. 105.
2) Alte Pinakothek, München, Inv.-Nr. 4565.- Der Pollinger Altar befin-det sich seit langem als Leihgabe im Germanischen Nationalmuseum in Nürn-berg. Ich habe für die gütige Unterstützung bei der Beschaffung eines Diapositi-ves davon Frau Dr. Leonie von Wilckens zu danken.
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