Auch die auf dem Postament aufgestellten Marienstatuen habeneine eigentümliche Rolle gespielt. Heute noch lebt der Brauch, daßman für sie auf Grund eines Gelübdes Kleider näht und sie ankleidet.Es handelt sich meistens um ein aus Leinen genähtes, einfaches Röck-chen, das man der Statue um den Hals bindet. Frauen, die vor derGeburt stehen, legen folgendes Gelübde ab: wenn ihr Kind am Lebenbleibt, nähen sie ein Kleid für die Marienstatue.
Viele unserer kirchlichen Gnadenstatuen haben durch solcheGeschenke der Gläubigen eine ganze Garderobe. Die Ankleidungwird, den Feiertagen entsprechend, im allgemeinen von einerfrommen, alten Frau vorgenommen, die„ Amme der Maria“ genanntwird. Die Gnadenstatue der Ödenburger St. Michaels- Kirche( Kopieder Gnadenmutter von Mariazell) wurde erstmals im Jahre 1676 ange-kleidet. Die Stifterin hat aus ihrem mit Gold durchwobenen Brautkleid
ein prächtiges Gewand für die Statue gefertigt 19).
Die Ankleidung der Marienstatuen der Wegkruzifixe ist die ver-einfachte Variante dieses Brauches, der nicht mehr an kirchliche Feier-tage, sondern an Geschehnisse im Leben der Einzelpersonen anknüpft.
Bei Wallfahrten wurden die Kruzifixe gemeinschaftlich aufge-sucht. Die Wallfahrer blieben unterwegs vor ihnen stehen und habendort gebetet und gesungen 20). So wurden diese Denkmäler der Fröm-migkeit Vorbereiter und organische Bestandteile der Wallfahrten, her-vorragende Äußerungen der Andachtsübungen des Volkes. Manchmalwurden die Wallfahrer bei den Wegkruzifixen empfangen. Bei Kruzi-fixen, die von den Franziskanern gesegnet worden waren, konnte manebenso einen Ablaß gewinnen wie an Wallfahrtsorten.
Die Kreuzwoche( dies rogationum), mit der Umschreitungder Fluren ist eine im ganzen Lande bekannte, gemeinschaftlicheÄußerung des Volkes. Sie wurde in den verschiedenen Gebieten desLandes zu verschiedenen Zeitpunkten der Osterzeit gehalten. DieZeremonie gehört zum Gedankenkreis der Karwoche, darum wurde siemeist an diesen Tagen verrichtet. Wir besitzen aber auch Angaben,nach denen die Kruzifixe an den auf den fünften Sonntag nach Osternfolgenden Tagen der Reihe nach aufgesucht wurde. Hier und da hatman die Kruzifixe unter Führung eines Vorbeters aufgesucht, wobeiman leise betete. Anderswo ist man singend, unter lautem Lärm, mitFlintenschüssen und mit Fahnen von Kruzifix zu Kruzifix gezogen. Andiesen Tagen war es verboten, die Pferde einzuspannen und im OfenFeuer zu machen.
19) Bálint, S. o. J. S. 171.
20) Manga, J. 1948.
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