mittelalter dann selbst als„ Sanctus Eticho" auf dem Odilienberg verehrt werdenkonnte. Das bekannte Motiv der„ Textilreliquie“, nämlich das wunderbarlich erhal-tene Totenhemd Etichos, durfte da nicht fehlen.
Die Ausführungen Kretzenbachers zeigen in sehr bemerkenswerter Weise, wieverschlungen die Wege zu einem auch nur halbwegs möglichen Verständnis solchermittelalterlichen Legenden und ihres Hinüberspielens in die volksglaubensmäßigeWirklichkeit sind. Man muß die Literaturgeschichte mit Dantes„ Inferno" gleicher-maßen wie die Vorauer„ Kaiserchronik“ kennen, um die verschiedenen Motiv-fassungen gegeneinander abwiegen zu können. Man muß die oft provinzielle Kunst-geschichte mitbeachten, beispielsweise die Werke des Münchner Malers GabrielMäleẞkircher, ganz zu schweigen von Hauptwerken wie dem Berner Trajansteppichund ähnlichen Kostbarkeiten, die schon wieder von der Kunstgeschichte zur Rechts-geschichte hinüberführen, weil doch nicht wenige der Darstellungen des als beson-ders gerecht angesehenen Kaisers Trajan in deutschen Rathäusern hingen. Manmüßte vielleicht, um hier noch eine Frage anzuschließen, auch die politischeGeschichte heranziehen: Hat man Legenden wie die vom an sich doch recht ungeho-belten Herzog Eticho nicht vielleicht doch auch aus politischen Gründen so starkaufgewertet? Zu gewissen Zeiten bemühten sich die Habsburger immerhin sehr,einerseits von römischen Caesaren abzustammen, anderseits aber auch ganz realmit jenen frühen Elsässer Herzögen verwandt zu sein, deren bekanntester nun ein-mal jener Eticho war¹).
Wir wissen es nicht, und die Aufklärung solcher Probleme ist wohl auch nichtunsere Sache. Aber das Beispiel zeigt vielleicht wieder einmal, wie vorsichtig manbeim Beurteilen gerade solcher„ Volksüberlieferungen“ sein muß. So manche Sagehat sich schon als versteinerte„ Polit- Propaganda" erwiesen. Das mag doch auch beiden Legenden ab und zu der Fall gewesen sein?
Leopold Schmidt
Barbara Pischel, Kulturgeschichte und Volkskunst der Wandalen(= Europäische Hochschulschriften, Reihe XIX, Volkskunde usw., Bd. 17), 433Seiten mit 42 Abb., Frankfurt am Main 1980, Peter D. Lang, sFr. 65,-.
Der Titel des vorliegenden Bandes muß Aufsehen erregen: Allzulang, jahr-zehntelang haben sich jüngere Vertreter von der„ historischen Volkskunde" fernge-halten, haben frühere Ansätze zur Erschließung der spätantiken und frühmittelal-terlichen Volksüberlieferung nicht weiter geführt. Erst in letzter Zeit kommen neueAnstöße, und zwar von außen, von der Seite der Frühmittelalterforschung. Im Vor-jahr ist der gewichtige Band von Herwig Wolfram, Geschichte der Goten( Mün-
1) Die umfangreiche, aber auch widerspruchsvolle historische Literatur dazukritisch dargestellt von Alphons Lhotsky, Das Haus Habsburg(= Lhotsky, Aufsätzeund Vorträge, hg. Hans Wagner und Heinrich Koller, Bd. II), Wien 1971, S. 80, 83f.,86 f., 100.
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