Sorgen mit Sagen
von Richard Wolfram
Erzählen ist Begabungssache und Übungssache, auch die Erzählgele-genheiten spielen eine Rolle. Bei den Erlebnis- und Erzählsagen hat dasAusschmücken und dramatische Darstellen durch den Erzähler wenigerRaum als beim Märchen oder Schwank, es fehlt aber auch hier nicht. DieVolkserzählforschung konnte die Entwicklung vom bloßen Erlebnisbe-richt zur ausgeformten Sage mehrfach bei zeitlich im Abstand aufeinander-folgenden Aufnahmen feststellen und unterscheidet daher Memorat undFabulat. Es ist aber die Frage, ob die gleiche Freiheit auch den Sammlernund Herausgebern der Volkserzählungen zugestanden werden darf. Beibloẞer Erzähl- und Unterhaltungsabsicht könnte das hingenommen wer-den, nicht aber, wenn es sich um wissenschaftliche Quellenausgaben han-delt, da braucht es die Originalzeugnisse. Dies umso mehr, als der gebildeteBearbeiter beim Zurechtrücken bewußter vorgeht.
Wir wissen, die alten und berühmten Sagensammlungen des vorigenJahrhunderts wollten nicht fälschen, nur verbessern. Aber über das For-male hinaus lockte auch das inhaltlich Besondere und womöglich einmythischer Ausblick. Natürlich sind mythische Hintergründe vielfach vor-handen, aber die Unbekümmertheit der Ausdeutung vieler alter Sammlerin dieser Richtung mahnt zur Vorsicht. Wir sind beim Benützen der altenQuellen dieser Art heute oft unsicher, wie viel wir für bare Münze nehmenkönnen, zumal nicht auszuschließen ist, daß sehr Altertümliches damalsnoch vorhanden war, inzwischen aber verklungen ist. Auch fehlen mei-stens Angaben über die näheren Umstände der Aufzeichnung. In dieserLage können auch kleine Hinweise von Nutzen sein, die sich zufällig erge-ben, wie die vier hier angeführten.
Bei den Volkserzählforschern, die sich seit dem Ersten Weltkrieg umdie genaue Wiedergabe der Worte der Gewährsleute bemühen, zeigen sichdie Sagenerzählungen meist ziemlich schlicht. Das Bearbeiten bei früher-
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