Chronik der Volkskunde
Karl von Spieß zum Gedächtnis
Das Jahr 1880 hat, wie man aus Berichten über viele Feiern, Gedenkstunden,Gedenkschriften usw. entnehmen kann, eine große Zahl von bedeutendenMenschen in diese Welt entsandt. Künstler, Schriftsteller, nicht zuletzt Gelehrteder verschiedensten Fächer. Für die in Österreich betriebene Volkskunde hatdieses Jahr Karl von Spieß angeboten, und sie hat ihn, wenn auch nicht ohnemanche Umwege, in ihre Geschichte eingehen lassen.
Karl von Spieß ist am 20. April 1880 geboren worden und am 1. Juli 1957gestorben. Diese 77 Lebensjahre hatten ausgereicht, um ein eigenartigesLebenswerk entstehen zu lassen: Man kann als seinen Kern vielleicht am ehesteneine Hauptleistung erkennen, nämlich die mythologische Betrachtung derbildenden Volkskunst. Hatte Michael Haberlandt die Sammlung und erste Dar-stellung dieses merkwürdigen Gebietes ,, Volkskunst“ eingeleitet und in seinemMuseum und mit seinem literarisch- bildlichen Hauptwerk„ ÖsterreichischeVolkskunst auch durchgesetzt, so stand v. Spieß als der von einem gewaltigenprähistorisch- archäologisch- mythenkundlichen Wissen erfüllte Betrachter da-neben und konnte zu sehr vielen Einzelerscheinungen, Ketten und Gruppen vonMotivgestaltungen bildhafter Art aussagen, daß es sich dabei um die jeweiligeAusformung einer mythischen Idee handle. Für ihn war beispielsweise die„, Wein-beergoaẞ" niemals nur ein Holzgestell, das zur Lesezeit mit Trauben behängtwurde, sondern sie war eine Ausgestaltung der mythischen Idee„ Tier der Fülle",von dem in so vielen Märchen erzählt wurde. Dabei hatte v. Spieß diemethodische Zucht naturwissenschaftlicher Schulung, wie er sie für seinenimmerhin manche Jahre hindurch ausgeübten Beruf als Mittelschulprofessorbenötigte. So kam es, daß man seine„, Bauernkunst", das Haupt- und Grundwerkder ganzen Richtung, auch nach den Grundstoffen der Herstellung derVolkskunstgestaltungen lesen konnte, auch wenn die Betrachtung nach derinneren Sinngebung das Hauptanliegen des Verfassers gewesen war. Die Weichendazu waren seit seinen frühesten Arbeiten schon gestellt; der nicht zuletzt durchMichael Haberlandts in Lieferungen erschienenem Hauptwerk immer umfang-reicher gewordene Stoff vermochte die Leitlinien nicht zu verschütten.
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