Literatur der Volkskunde
Helene Grünn, Wäsche waschen. Volkskunde aus dem Lebensraum derDonau. Mit neunzig Bildern, davon zwölf in Farbe.(= NiederösterreichischeVolkskunde, Bd. 10), Wien, Verlag des Niederösterreichischen Heimatwerkes,1978, 200 S.
,, Bei diesem Anblick wird man wieder ein Kind“, schreibt Erich Kästner ineinem Gedicht, zu dem ihn die Betrachtung eines Wäschetrockenplatzes animierte.Ähnlich geht es einem bei der Lektüre von Helene Grünns neuestem Buch.Unwillkürlich tauchen Bilder der eigenen Kindheit auf. Man sieht die kochendeWäsche im eingemauerten Kessel des Vorhausherdes, das Schaff mit der Aschen-lauge, die Waschrumpel und den Waschtrog. Vor allem aber die vielen Wasch-bänke im kleinen Bach, die nur auf einem schmalen, über einen steilen Abhangführenden Steig zu erreichen waren. Wie mühsam muß der Transport der nassenWäsche gewesen sein. Doch als Bub nahm man höchstens die Gereiztheit derMutter wahr und wußte Mittel, dieser zu entgehen. Man erinnert sich an dieGroßmutter, die vor jedem Sonntag den gestärkten Brusteinsatz des Nachbarnakkurat in Falten zu legen verstand. Sie war darin Meisterin, denn nach dem Toddes Großvaters mußte sie als Büglerin den Unterhalt für die Familie bestreiten.Erst mit 76 hat sie den Dienst quittiert. Oft habe ich sie in ihrer Bügelstubebesucht und sie beobachtet, wie sie die eingespritzte Bettwäsche durch die Bügel-maschine laufen ließ, streng darauf achtend, daß keine Falten entstanden. Damalsdachte ich freilich noch an keine Rezension, sondern an die Nachspeise aus derHotelküche, die sie stets für uns bereithielt. Auch nicht die epochale Veränderung,als dann ab 1954 der Mann mit dem Puchroller erschien und der Mutter gegenEntgelt die Waschmaschine zur Verfügung stellte, bis sie endlich selbst einebekam. Und man denkt an die eigenen, bitteren Erfahrungen mit den Wasch-automaten während der Studentenzeit, wenn man bei Helene Grünn darüber imletzten Kapitel liest. Die unreflektierten Wahrnehmungen erhalten durch das Buchplötzlich eine neue Dimension, finden sich eingebettet in eine Kulturgeschichte desWächewaschens. Die darin als Ausgangsbasis aufgezeigte Struktur der„, Bauern-wäsche" erweist sich jedoch als so allgemein und an keine sozialen Schrankengebunden, daß man den Begriff besser vermeiden sollte. Ungeachtet dieser for-malen Einschränkung bietet das mit großem Fleiß zusammengetragene Materialbei gleichzeitiger Betonung der lokalen Eigenarten einen guten Überblick über dieEntwicklung der Waschmittel, der Waschgeräte und Waschmethoden. Helene
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