Jahrgang 
84 (1981) / N.S. 35
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viel an Literatur der verschiedensten Art gibt. Ein Märchen, das man mit demHauptmotiv der Wiederbelebung aus den Knochen für sehr alt, womöglich für prä-historisch halten möchte, und das eben doch erst im 18. Jahrhundert literarisch be-zeugt erscheint. Belgrader hat in dieser Situation eine ausgezeichnete Monographiein der Art der Finnischen Schule geschaffen, also mit vollständiger Erfassung allerVarianten, von denen es fast ein halbes Tausend in Aufzeichnungen gibt. Die Zu-weisung der Fassungen an die einzelnen Sprachgebiete tritt am deutlichsten hervor,mit der starken deutschen und baltischen Verbreitung und dem völligen Aussetzenim Südwesten, Süden und Südosten Europas. Belgrader steht der von ihm verwen-deten Finnischen Methode durchaus kritisch gegenüber und wagt keine Zuweisungnach dem Häufigkeitskriterium, wie dies an sich durchaus möglich wäre. Aber dieHauptmotive, offenbar von verschiedener Altersstellung, von der Belegung aus demKnochen wie vom Mord durch den zugeworfenen Truhendeckel, lassen sich wohlverschiedenen Kulturepochen zuweisen, ergeben aber nicht das ganze Märchen, wasBelgrader in seinem zusammenfassenden Nachwort noch eigens betont. Da zeigensich wohl auch Grenzen der Betrachtungsweise: Man könnte ja methodisch auchanders vorgehend und etwa Motive gleicher Art, ich habe außer dem Pelops- dochauch das Thormotiv genannt, ferner die offenbar altertümliche Einbindung dieserMotive in das Hirtenmilieu, auf die Beurteilung der eventuellen Kulturgeschichten-zugehörigkeit des einzelnen Märchens hin untersuchen.

Aber das würde eben tatsächlich über die Grenzen einer derartigen Disser-tation hinausgehen, und soll nicht etwa nachträglich verlangt werden. Man wird mitder fleißigen Monographie auf jeden Fall eine gute Unterlage für weitere Behand-lungen des Themas und seines Umkreises in der Hand haben.

Leopold Schmidt

Lutz Röhrich, Der Witz. Figuren, Formen, Funktionen. 342 Seiten, mit 98 Abb.Stuttgart 1977, J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung.

Lutz Röhrich, Der Witz. Seine Formen und Funktionen. Mit tausend Beispielenin Wort und Bild(= dtv Sachbuch 1564). 343 Seiten, mit Abb. München 1980,Deutscher Taschenbuchverlag.

Ob ,, der Witz" tatsächlich dem Gebiet der Volkskunde angehört, ob man ihnmit den Mitteln unseres Faches erfassen und darstellen kann, ist wohl umstritten.Tatsache ist, daß Lutz Röhrich, hervorragender Vertreter vor allem der Volks-erzählforschung, sich seit langem dem Witz gewidmet hat, und dafür eine Sammlungvon nicht weniger als 40.000 Witzen anlegen konnte. Daraus hat er eine Auswahlgetroffen, die gleichzeitig einen Ordnungsversuch darstellt. Es werden also zunächstEtymologie, Bedeutungsgeschichte usw. dargetan, dann die ,, literaturwissenschaft-lichen Fragestellungen erörtert, wobei die Nachbargruppen Witz und Anekdote,Witz und Schwank miterörtert werden. Dabei ergibt es sich, wie für jeden Kennerselbstverständlich, daß Witz und Schwank nichts miteinander zu tun haben, ja daẞsogar die Erzähler im allgemeinen nicht die gleichen Personen sind: Wer Schwänkekennt und erzählt, der erzählt keine Witze und umgekehrt. Das führt zu dem wich-tigsten Kapitel vom Witz als Gegenstand volkskundlicher Forschung, soweit davon

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