Das ist nämlich hier geglückt, und man wird daher den schönen Band von GerhardHeilfurth mit herzlichem Dank quittieren.
Leopold Schmidt
Margot Schindler, Die Kuenringer in Sage und Legende.(= RaabserMärchen- Reihe, Band 6), 159 Seiten, 12 Abbildungen, 1 Karte. Selbstverlagdes Österr. Museums für Volkskunde. Wien 1981. S 120,-.
Es ist erfreulich, daß parallel zur Kuenringer- Ausstellung in Zwettl nun diesesBändchen erschienen ist, das dem gezeigten Material einen tieferen Hintergrundverleiht. Man möchte nicht erwarten, wieviel und wie farbige Texte sich unter demSachbegriff der Kuenringer zusammentragen lassen.
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Margot Schindler hat mit geschicktem Gespür selbst Quellen ausfindig ge-macht, an die man kaum denkt wie J. A. Krickel, Eisenbahn- Ausflüge auf derKaiser- Ferdinands- Nordbahn.( Wien 1844)- und sie hat das inhaltlich sehr unter-schiedliche Material in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht. Neben den Gründungs-sagen steht zurecht als eigene Gruppe das Motiv von den feindlichen Brüdern.Derlei Züge sind zu verschiedenen Zeiten allenthalten sehr beliebt gewesen, so daßman in oberitalienischen Parallelgeschichten gelegentlich auch aus nachweislich be-freundeten Brüdern verfeindete gemacht hat. Ob es sich bei den Texten Nr. 27 bis29 um ein Wandermotiv handelt, oder ob es polygenetisch immer wieder auftaucht,ist schwer zu entscheiden; interessant scheint mir der Zug, daß man den Stoff mitden Türkenkriegen in Zusammenhang bringt.
Besonders dankbar ist man für die Zusammenstellung der Legenden vomsechsten Finger der Muttergottes von Maria Laach am Jauerling. Ich weiß nicht, obes dazu in der Malerei noch Belege gibt, im Bereich der Volkserzählung begegnetdas Motiv der Mehrfingrigkeit entweder als Attribut eines Jenseitigen oder derzusätzliche Finger hat eine besondere Funktion, wie etwa in islamischen Legenden,in denen Mohammed durch den sechsten Finger des Erzengels Gabriel gestillt wird,ähnliches gilt für eine Barlaam- Variante in Mexiko. Für Europa sind freilich solcheVorstellungen fremd, sieht man von Dämonen ab, die daran erkannt werden, daß siesechs Zehen besitzen. Das Motiv ist jedoch insgesamt noch nicht untersucht.
Sehr lesenswert ist das übersichtliche Vorwort, das die ganze Breite des Sagen-raums und die hinter der sprachlichen Darstellung stehenden Vorstellungenanalysiert und zugänglich macht. Dadurch erhält auch die sonst fast zentrifugal wir-kende Streuung der einzelnen Geschichten einen Zusammenhalt. Sicher war es abernicht leicht, sowohl geographisch wie auch motivisch für die vorliegende Sammlungüberzeugende Grenzen zu finden.
Etwas störend wirkt gelegentlich die eigenwillige alte Orthographie- ,, DieDonaunikse"( S. 139) sonst stellt das Bändchen rundum zufrieden. Es bildetzweifellos nicht nur für den österreichischen Sagen- und Legendenschatz eine Be-reicherung, sondern man wird auch im Ausland dankbar sein, für ein landschaftlichbetontes und zugleich historisch akzentuiertes Thema konkrete Texte zu haben.Felix Karlinger
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