Jahrgang 
84 (1981) / N.S. 35
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Ethnographisches Museum Schloß Kittsee

Sonderausstellungen:

1. Aus Holz, Stein und LehmUngarische DorfarchitekturAus der Sammlung des

Ethnographischen Museums BudapestPhotos Lantos Miklós

Die Gesellschaft der ungarischen Dörfer hat in den vergangenen dreißig Jahrengrundlegende Veränderungen erfahren, welche sich vielleicht am auffallendsten inder Änderung der Gebäude widerspiegeln. Heute besteht die Mehrheit der Dorf-einwohnerschaft aus Industriearbeitern, der Anteil der in der LandwirtschaftTätigen sank in den letzten drei Jahrzehnten unter 50 Prozent, und auch diesearbeiten in modernen Großbetrieben. Das Bild des Dorfes hat sich total verändert,unter den neuen nach städtischen Ansprüchen eingerichteten Häusern sind alteBauernhäuser immer seltener und nur mehr isoliert zu finden. Diese Veränderunggeht unauffällig vor sich, es handelt sich nicht um den Bau neuer Wohnviertel, dieeinzelnen Familien entscheiden selbst über die Art des Bauens. Die alten Bauern-häuser werden zum Abbruch verurteilt, und bald wird es so weit sein, daß es zumAuffinden eines schönen alten Dorfgebäudes ebenso mühevoller Forschungsarbeitbedarf wie zur Entdeckung eines gotischen oder barocken Gebäudes in der Stadt.Die noch stehenden Bauernhäuser gehören bereits der Vergangenheit an, ihreBewohner sind bestrebt, in die Gegenwart zu gelangen.

Der Dichter János Pilinszky sagte einmal in Paris bei einem Vortrag über diebesondere Lage der osteuropäischen Kunst:,... in Ungarn ist die Volkskunstwenn auch schon verschwunden immer noch anwesend, anwesend als die Erin-

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nerung an einen Toten, als die noch lebendige Erinnerung." Visuell vermitteln unsdie Bilder von Miklós Lantos ein ähnliches Erlebnis. Ihre zurückhaltende Lyrikdrückt aus, daß er nicht nur architektonische Formen in den Bauernhäusern sieht,sondern die Boten einer verschwundenen, aber uns noch nahestehendenLebensform.

Miklós Lantos ist Architekt. Er sieht die Gebäude an wie ein sachverständigerKollege der einstmaligen Erbauer, der Zimmerleute und Maurer. In den Formensieht er die Struktur, die Verteilung der Gewichte und der Lasten, die Tragfähigkeitder Tragelemente. Die aus seinen Bildern zusammengesetzten, visuellen Strophen"drücken die landschaftlich bedingte Verschiedenheit der Baumaterialien aus: Holz,Stein, auf Rutengeflechte gestrichener Lehm, in der Sonne getrockneter Tegel,gebrannter Ziegel. Die Einzelaufnahmen lassen die Arbeitsformen spüren, die auslanger Tradition stammenden Erfahrungen der bauenden Bauern, sogar einen mitdem verwendeten Baumaterial geführten, Dialog", dort wo die gestaltende Absichtin der Form des Holzes, des Steines verwirklicht wird.

Die Athener Charta über den Baudenkmalschutz stellt uns die Aufgabe, solcheAußenflächen zu schützen, die Zeugen der Geschichte waren. Die lehmbeworfenenund geschnitzten Flächen auf den Bildern von Lantos führen uns die Geschichte vor

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