Jahrgang 
84 (1981) / N.S. 35
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Europäische Sachkultur des Mittelalters. Gedenkschrift aus Anlaß deszehnjährigen Bestehens des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs.( Sitzungsber. d. phil.- hist. Klasse d. Österr. Akad. d. Wiss., Bd. 374) Wien 1980.(= Veröff. d. Inst. f. mittelalterl. Realienkde. Österr. 4.)( Verlag d. Österr. Akad.d. Wiss.) 232 S., 39 Abb. auf zusätzl. 36 Taf., 1 Karte, öS 490,-.

Das international bekannte und renommierte Institut für mittelalterliche Realien-kunde Österreichs, 1980 zehn Jahre alt geworden, legt als vierten Band seiner Reihe einestattliche Festschrift mit zwölf Beiträgen namhafter Wissenschaftler aus Deutschland( 2),Frankreich( 1), Italien( 1), den Niederlanden( 1), Österreich( 6) und der Schweiz( 1) vor,die sich mit Grundsatzfragen oder Teilbereichen der mittelalterlichen Sachkulturbefassen. Mit allgemeinen Problemen der Realienkunde beschäftigen sich vierAutoren: Heinrich Appelt( ,, Mittelalterliche Realienkunde Österreichs als Forschungs-aufgabe"; S. 7-12) gibt einen Überblick über die Themenkreise der Realienforschung( u. a. Lebenslauf, Haus, Inventar, Nahrung, Kleidung, Landwirtschaft, Handwerk), dieüberraschender- und erfreulicherweise mit dem Gesamtkomplex der volkskundlichenForschung fast identisch sind, weswegen die Volkskunde auch als Nachbardisziplin zurmethodisch richtigen Urteilsbildung heranzuziehen ist. Wichtig auch der Hinweis auf dieVorbehalte bei der Auswertung bildlicher Quellen in Form künstlerisch idealisierenderDarstellungen. Diese Quellen liegen in solcher Fülle vor, daß ihre Bewältigung nur mitHilfe eines EDV- Programms möglich ist.- Mit den damit zusammenhängendenProblemen setzt sich Manfred Thaller(, Descriptor, Probleme der Entwicklung einesProgrammsystems zur computerunterstützten Auswertung mittelalterlicher Bildquel-len; S. 167-194) auseinander, indem er Konzepte des Einsatzes und Methoden derRealisierung der Bildquellenauswertung unter Zuhilfenahme modernster technischerHilfsmittel untersucht.- In die besondere Problematik, die die Kunstwerke alsernstzunehmendes Quellenmaterial der Sachkulturforschung mit sich bringen, führtElisabeth Vavra( Kunstwerke als Quellenmaterial der Sachkulturforschung"; S. 195-232, Abb. 19-39) ein. Sie zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der Aussage mittelalter-licher Bilder als Geschichtsquellen auf. Auch sie beschließt ihren Aufsatz mit demVersuch einer computerunterstützten Auswertung an einigen Beispielen.- J. G. N.Renaud( ,, Mittelalterliche Realienkunde in den Niederlanden"; S. 113-122) skizziert,obgleich es in den Niederlanden dem Namen nach noch gar keine ,, Realienkunde" gibt,einen historischen Abriß dieser jungen Disziplin, deren Anfänge er in die erste Hälfte des18. Jh.s datiert und deren Entwicklung er an einigen Beispielen bis in unsere Tage heraufverfolgt.

Mit ,, speziellen" Themen der Sachkulturforschung warten die übrigen achtAutoren auf: Florens Deuchler vermutet in seinem Aufsatz ,, Siena und Jerusalem,Imagination und Realität in Duccios neuem Stadtbild( S. 13-20, Abb. 1-2), daß derMaler Duccio in seinem Bild Einzug Christi in Jerusalem" das mittelalterliche Siena des13. Jh.s mit seinen Bauten, von denen keinerlei Bildbelege mehr erhalten sind, verewigthat. ,, Der Adamsapfel oder die Wirklichkeit im Bild" von Horst Fuhrmann( S. 21-28)greift das ikonographisch vernachlässigte Kehlenmotiv, also die Darstellung Adams, wieer mit der Hand zum Halse langt, als ob ihm der Apfel in der Gurgel steckengebliebensei, auf und stellt beziehungsreiche Zusammenhänge her zwischen morsus( Apfelbiẞ) undmors( Tod). Anknüpfend an die grundlegenden Forschungen Joachim Hähnels und

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