Literatur der Volkskunde
Karl Teply, Türkische Sagen und Legenden um die Kaiserstadt Wien.Wien- Köln- Graz. 1980, Verlag Hermann Böhlaus Nachfl. 162 Seiten und 16Abbildungen. DM 48,-.
Der jahrhundertelange Kampf mit den Türken gipfelte für die alte KaiserstadtWien in den beiden siegreich bestandenen Türkenbelagerungen von 1529 und 1683. DieEreignisse von damals klangen noch lange in Sagen und Legenden nach, die von derWiener Sagensammlung immer wieder aufgegriffen wurden. Die vielfach unkritischenWiedergaben dieser Erzählungen wurden schließlich durch die einzige gute Ausgabe derWiener Sagen, jener von Gustav Gugitz 1952 vorgelegten, korrigiert. Im reichenAnmerkungsteil seiner„, Sagen und Legenden der Stadt Wien" steht alles, was sich zuseiner Zeit darüber aussagen ließ.
Aber diese in und um Wien erzählten Sagen waren durchaus nicht die einzigen, diesich mit dem Glanz und der Abwehrkraft der Kaiserstadt beschäftigten. Allzulange hatteman doch übersehen, daß auch die Türken davon erzählten. Viel davon war in dietürkische Literatur übergegangen, besonders in das ,, Fahrtenbuch" des Evliya Çelebi,dessen Bedeutung aber doch erst nach der Übersetzung durch Richard Kreutel( ,, ImReich des Goldenen Apfels", Graz 1963) allgemeiner bekannt wurde. Karl Teply, dersich von historischer, volkskundlicher und turkologischer Seite her mit dem Stoff zubeschäftigen begann, hat im Lauf der letzten Jahre vielfach eingehend darauf hingewie-sen, auch in einigen Beiträgen zur Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde( DieBausage des Neugebäudes in Wien: ÖZV 29/1975, S. 1 ff, und Türkische Sagen undLegenden um Wien, die Stadt des Goldenen Apfels: ÖZV 31/1977, S. 255 ff.) Aufdiesen Vorstudien nun baut das vorliegende wertvolle Buch auf. Teply behandeltzunächst die ,, Weissagung des Sem'un- i Safa", eine Version der Endschlachtsage. Danndie Geschichte vom„, Goldenen Apfel“, worunter man stark übertreibend die Kugel aufder Spitze des Stephansturmes verstand. Die„ Legende vom Dayi Çerkes“ ist einetürkische Version der Geschichte vom„, Heidenschuß" auf der Freyung. Es stecken inden türkischen Versionen der Wiener Sagen viele Züge versuchter Rechtfertigung derNiederlage. Das geht auch aus dem„, Traumgesicht Sultan Süleymans" hervor, aber auchaus dem Bericht über„ Die Zeltburg Sultan Süleymans", die sich an der Stelle des vonKaiser Maximilian II. errichteten ,, Neugebäude" befunden haben soll. Da spielt derGedanke der ,, Häuser auf heiligem Grundriß“ eine Rolle, ähnlich wie in der Geschichtevom Traumgesicht Sultan Süleymans und in der Sage vom„ Kasim Beg“ die Zahl
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