Die reiche Bebilderung macht das Buch zu einer besonderen Quelle, zumal überdie Beziehungen des wallfahrtenden Volkes zum Heiligtum. Das Bild der„, Fußprozes-sion aus Montabaur nach Walldürn“ von Jakob Fürchtegott Dielmann um 1845( imFrankfurter Städel) etwa gehört zu den einprägsamen Volksdarstellungen im Spätbieder-meier. Aber auch die Fotos der Wallfahrer und Wallfahrtsseelsorger aus nächsterVergangenheit und Gegenwart wird man mit Gewinn zur Kenntnis nehmen. Auf das Bilddes tradtitionellen Blumenteppichs von 1930( S. 86) sollte angesichts verschiedenerGegenstücke wohl besonders hingewiesen werden. Die Gegenwartsvolkskunde wird mitbesonderem Interesse Peter Assions Schlußbeitrag ,, Walldürner Wallfahrt heute" mitihren vielen Wallfahrer- Fotos zur Kenntnis nehmen. Bemerkenswert der Satz:„ ,, Barok-kes Erbe verträgt sich mit Kulturelementen des Industriezeitalters.“( S. 127.)
Leopold Schmidt
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Hermann Kaiser, Herdfeuer und Herdgerät im Rauchhaus Wohnendamals, mit einem Beitrag von Dieter Zoller, Herd und Herdstelle ausarchäologischer Sicht(= Materialien zur Volkskultur nordwestliches Niedersach-sen, Heft 2, hrsg. v. Helmut Ottenjann), Cloppenburg( 1980), 203 Seiten, 313+ 36Katalognummern, illustriert.
Nunmehr liegt dieses zweite Heft der überaus gut ausgestatteten Dokumentations-reihe aus dem Museumsdorf Cloppenburg Niedersächsisches Freilichtmuseum vor. Wiedessen Direktor Helmut Ottenjann als Herausgeber einleitend betont, geht es dabeiin verstärktem Maße darum,„,... die historische Realität in einem Freilichtmuseum, dasnach ganzheitlicher Darstellungsweise des Wohnens, Wirtschaftens und Siedelns vergan-gener Zeiten strebt, unverfälscht, objektgetreu und verständlich zu dokumentieren"( S. 5). Wichtigste Grundlage dafür ist ,, die Erforschung der materiellen Volkskultur",deren es mehr denn je bedarf.
In der Tat wird man es besonders begrüßen, daß sich nun Hermann Kaiser hierspeziell dem Sachbereich„, Herdfeuer und Herdgerät im Rauchhaus", d. h. im altenHallenhaus des einstigen Herzogtums Oldenburg, zuwendet. In sechs einführendenAbschnitten umreißt er die vielschichtige Problematik der„ Rauchwirtschaft" in diesenHäusern zwischen Weser und Ems, seit diese ab dem 13./14. Jahrhundert zur Ernteber-gung im Dachraum übergegangen, aber vielfach bis gegen 1900 herauf beim offenenHerdfeuer, frei umschreitbar, vor der hinteren Giebelwand des„, Fletts" geblieben waren.Das Wohnen in einem solchen schornsteinlosen, gewaltigen Hallenhaus in Kohabitationmit allem Vieh und Gesinde können sich die Menschen von heute selbst bei einemBesuch der Museumshäuser nur schwer vorstellen. Eindrücklich läßt H. Kaiser darüber,, Zeitgenossen" im Für und Wider berichten, u. a. auch Voltaire, dessen bissige Passagenman gerne nach Ort und Zeit genauer zitiert gehabt hätte( S. 12 f.), zumal sie ja den vielbekannteren ,, Gegenentwurf“ von Justus Möser in dessen ,, Patriotischen Phantasien“( 1774-1778) bewirkten. Der Verfasser stellt dem ferner die geminderten Verhältnisseder Heuerlingswohnungen und Leibzuchthäuser gegenüber, in denen sich das„, Wohnender Mehrheit“ abspielte. Und dies wieder führt ihn auf die grundlegenden Fragen der,, Haushaltsgrößen“ überhaupt( S. 24-28). Kaiser befaßt sich sodann mit ,, Herdstellenund Sitzordnung", wobei- völlig anders als in unseren einstigen Rauchstuben dieSitzrunde der Bewohner von Hallenhäusern an Form und Lage des offenen Herdfeuers,, bestimmte Ansprüche" stellte( S. 29). Hier hätte man gerne darauf verwiesen, daß dies
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