Jahrgang 
84 (1981) / N.S. 35
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Chronik der Volkskunde

Laudatio für Leopold Kretzenbacher

Aus Anlaß der Überreichung des Erzherzog- Johann-Forschungspreises des Landes Steiermark für 1980¹)

Von Leopold Schmidt

Wer in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts nach Graz kam, um sich hier nachdem Forschungsstand auf den Gebieten der Volksdichtung, des Volksliedes, desVolksschauspieles umzuschauen, der wurde bald in das Seminar von Karl Polheimaufgenommen und zu den Gesprächsrunden bei Viktor von Geramb beigezogen. BeiPolheim konnte man eine vorzügliche germanistische Aufarbeitung der Einzelthemendes steirischen Volksschauspieles erleben, bei Geramb die stimmungsmäßige Einführungin das Wesen der Aufführungen solcher Volksschauspiele, wie sie selbst in einigen Ortenrund um Graz noch gespielt wurden. Die Atmosphäre dieser bäuerlichen Aufführungenhatte schon Max Mell in seinen besinnlichen Schilderungen festgehalten.

Auf solchen vorzüglichen Grundlagen konnten die Schüler von Polheim und vonGeramb weiterarbeiten. Von den gar nicht wenigen Dissertanten, die sich um solcheThemen damals bemühten, sind heute noch Hanns Koren, Oskar Moser und ebenLeopold Kretzenbacher unter uns. Koren hatte über die Schauspiele vom ÄgyptischenJoseph dissertiert, Moser arbeitete an seiner Doktorarbeit über das heimatlicheHirtenspiel von Gmünd in Kärnten, und Kretzenbacher hatte die Schauspiele vomReichen Mann und vom Armen Lazarus und die Todsündenspiele behandelt. Da warenalso schon manche weitere Wege vorgezeichnet.

Kretzenbacher, der schon damals ruhelose Wanderer, war bereits bei denDeutschen in der Dobrudscha gewesen, und beschäftigte sich im weiteren mit dendeutsch- slawischen Grenzbeziehungen, vor allem im slowenischen Bereich. Mit den Germanischen Mythen in der epischen Volksdichtung der Slowenen" hatte er sichhabilitiert. Die Ausgriffe in dieses Gebiet der Volksbrauch- und Volkssagenforschung

1) Gehalten am 29. Jänner 1981 im Festsaal des Steiermärkischen Landes-museums Joanneum in Graz.

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