großer Teil der herkömmlichen Volkskunde ist als Herkunfts- undVerbreitungsforschung zu verstehen, das heißt, an den Stoff werdenhistorische und geographische Fragen gestellt. Mit der Herkunftsfrage,mit der„, Historisierung“ kann man auch Ernst machen, indem manganz positivistisch fragt, wie alt nun das jeweilige Objekt wirklich seinkann: Das geht in Mitteleuropa zumindest für die Neuzeit gar nicht soschwer, da eine ganz ungewöhnlich große Zahl von Objekten datiertist48). Ein Querschnitt durch eine beliebige Sammlung ergibt, daßungefähr ein Zehntel aller größeren Objekte, von den Möbeln bis zuden Brautleintüchern, die Jahreszahlen ihrer Entstehung tragen. Vondiesen datierten Stücken ausgehend, lassen sich die undatierten ganzgut zeitlich bestimmen, ein großer Gewinn einer sonst nur sehroberflächlichen geschichtlichen Zuordnung gegenüber.
Für die Sammlungen, die auf eine Steigerung der fachinternenErkenntnisse Wert legen, ergeben sich daraus besondere Möglichkei-ten. Man kann Majolikakrüge von 1700 bis 1850 aneinanderreihen undhat dann für eine oder mehrere Landschaften eine gewisse Reihunggegeben49). Man kann aber den Majolikakrug von 1700 auch nebenden Lebzeltenmodel aus dem gleichen Jahr und vor den Brautkastenmit derselben Jahreszahl stellen und gewinnt damit eine ganz andere,weiterführende Möglichkeit. Von einer Volkskunst in Vorarlberg warschon öfter die Rede, von einer Volkskunst des Jahres 1700 dagegennoch nie. Das Thema verlockt zu näherem Zusehen. Nimmt man etwadas Jahr 1968, so kann man sich Jahrhundertquerschnitte als möglichund aufschlußreich vorstellen: 1468 ergibt in den meisten Sammlungenfreilich noch so gut wie nichts, die spärlichen Reste mittelalterlicherGebrauchskunst, wenn sie im Museum überhaupt vorhanden seinsollten, sind wohl nicht datiert. 1568 kann dagegen sicher schon miteinem datierten Krug, vielleicht auch mit einer Truhe, aber auch miteiner Stickerei aufwarten, und man wird aus dem Archiv ein Flugblatt-lied, aus der Bibliothek vielleicht den Druck eines Schwankbuchesdazulegen können. Für 1668 werden sich Votivbilder finden, Handwer-kermeisterstücke, Türkenerinnerungen. Für 1768 ist dann alles vor-handen, was die alte Volkskunst in ihrer Blütezeit geleistet hat: Vom
48) Leopold Schmidt, Die Historisierung der Volkskunde als museologischesProblem( Forschung und Fortschritte, Bd. 37, Berlin 1963, H. 8, S. 249 ff.).
49) F. H. König, Alt- Gmundner Fayencen. Eine Handwerkskunst aus demSalzkammergut( 17.- 19. Jahrhundert). Linz 1964.
Walter Dexel, Keramik. Stoff und Form. Braunschweig- Berlin 1958.Derselbe, Das Hausgerät Mitteleuropas. Wesen und Wandel der Formen in zweiJahrtausenden. Deutschland, Holland, Österreich, Schweiz. Braunschweig- Berlin 1962.
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