Grimm- Ausgaben ist die vorliegende keine überflüssige Erscheinung und wird si-cher ihren Zweck erfüllen.
Felix Karlinger
Jack Zipes, Rotkäppchens Lust und Leid Biographie eines europäischenMärchens. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1982. 218 S., 28 Ill. und 9 Farb-tafeln.
Die Stärke dieses Buches liegt in dem vorzüglichen Bildmaterial und in der ge-schickt ausgewählten Anthologie einschlägiger Texte, die Schwäche in der Einlei-tung. Der Autor geht verständlicherweise von der Perraultschen Version aus,bringt jedoch keine exakte Untersuchung des Motivs, sondern lediglich eine Ana-lyse des bekannten Salonmärchens und der davon beeinflußten Nacherzählungen.Leider folgt Zipes auch zu sehr der Hypothese seiner Vorgänger, der Stoff stam-me aus dem französischen Raum, wogegen unter anderem spricht, daß das Motivvom Dämon und dem Kind seit der Antike belegbar ist und daß es eine besondersstarke Verbreitung auf dem Balkan und im südlichen Italien gefunden hat.
Dabei wird zu leicht übersehen, daß zoomorphe Dämonen auch in literarischenTexten bereits vor Perrault auftauchen und einem in Frankreich vorgeblich beson-ders starken Werwolf- Glauben das Wort geredet wird.
Man müßte, um Klarheit zu schaffen, zwei Gesichtspunkte herausstellen: 1. dieErzählung von Perrault ist kein Märchen, sondern nach dem Verständnis derVolkskunde eine Sage; 2. das Motiv von dem Dämon, der einem Kind auflauert,endet in den meisten Volkserzählungen mit einer Überlistung des Dämons,manchmal kommt noch hinzu, daß neutrale jenseitige Mächte durch die spende-freudige Art des Kindes freundlich gestimmt werden.
Daẞ Perrault den Stoff als pädagogische Warn- und Schreckgeschichte akzentu-iert hat, steht außer Frage, aber ob der Typus als Schreckmärchen( in der Folgevon Marianne Rumpf) determiniert werden kann, hat zu Recht bereits WalterScherf( Lexikon der Zaubermärchen, Stuttgart 1982, S. 315) in Zweifel gezogen.Auch in Detailfragen konzentriert sich Zipes zu sehr auf französische Verhältnisseund übersieht dabei, daß nicht nur Erzählstoffe, sondern auch Volksglaubensvor-stellungen weiter verbreitet sind. Er stellt fraglos richtig die latente sexuelle Kom-ponente der Perraultschen Fassung heraus, scheint jedoch nicht zu wissen, was,, chaperon rouge" und ähnliche Bezeichnungen im Kasernenjargon und in grobia-nistischen Wendungen des Jahrhunderts des Dreißigjährigen Krieges bezeichnen:die menstruierende Frau. Menstruationsblut als Abwehrzauber gegen Dämonenspielt in der Tat in manchen Varianten unseres Motivs eine Rolle, jedoch istschwer zu sagen, ob Perrault diese Funktion gekannt beziehungsweise richtig ver-standen hat.
Sieht man von derlei prinzipiellen Lücken oder Irrtümern ab, ergibt sich sonstaus der Deutung von Zipes ein informationsreiches Bild der Resonanz unseresStoffes im gesellschaftlichen Bereich der vergangenen Jahrhunderte. Die Textebringen dazu viel Amüsantes und Erheiterndes.
Zur Bibliographie von Zipes sind nachzutragen die zweibändige Studie von RolfHagen,„ Der Einfluß der Perraultschen Contes auf das volkstümliche Erzähl-
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