Jahrgang 
85 (1982) / N.S. 36
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Adelige Sachkultur des Spätmittelalters. Internationaler Kongreß Krems a. d.Donau, 22. bis 25. September 1980( Österreichische Akademie der Wissen-schaften, phil.- histor. Klasse, Sitz.- Ber., 400. Band),(= Veröffentlichungendes Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs, Nr. 5). Wien 1982,386 Seiten, 71 Abbildungen.

Die Bedeutung des Adels in seiner Gesamtheit für das kulturelle Leben desspäten Mittelalters scheint für jedermann klar zutage zu liegen. Wie schwierig die-ser Problemkreis in Wahrheit selbst für denjenigen ist, der gewohnt ist, in histori-schen Kategorien zu denken und zu urteilen, das zeigen einmal mehr die 16 Bei-träge dieses neuesten Kongreẞbandes des Institutes für mittelalterliche Realien-kunde Österreichs in Krems. Sie befassen sich teils mit grundsätzlichen allgemei-neren Forschungsfragen, teils sind sie dem Adelsleben bestimmter Länder Euro-pas( Burgund, Franken, Tirol) zugewandt oder widmen sich bestimmten Sachbe-reichen der Adelskultur wie Wohnungswesen, Kriegswesen, Kleidung, Nahrungusw. Nimmt man dazu noch den wechselnden Zuschnitt auf ganz spezifische Quel-lengruppen der einzelnen Beiträger( Rechnungsbücher, Inventare, Kriegsscha-denlisten, Reiseberichte, Diplomatenberichte, Chroniken, Literatur, Bildzeugnis-se), so wird die Bedeutung dieser durch umfassende Quellen- und Literaturanga-ben in den Anmerkungen erweiterten Referate für den Volkskundler evident.Das gilt im Grunde für alle, übrigens in der Mehrzahl von international anerkann-ten Fachleuten vertretenen Fachthemen, wobei man besonders auch die Berück-sichtigung des Forschungsstandes in Westeuropa( Frankreich, England) begrüßenwird.

Es läuft also keineswegs auf eine Reduzierung des Ganzen hinaus, wenn wir unshier nur auf einiges Beispielhafte, uns Näherliegende aus Platzgründen beschrän-ken. So versuchen H. Hundsbichler, G. Jaritz und E. Vavra an Hand ausgewähl-ter Beispielobjekte aus dem Kleidungs-, Wohnungs- und Nahrungswesen abzuklä-ren ,,,.... ob für den Adel trotz seiner Komplexität und Heterogenität einheitlicheTrends und Tendenzen in der Ausformung von Alltag und Sachkultur festzustel-len sind( S. 37). Das klingt und mutet dem Volkskundler durchaus vertraut an;zumal hinter einem Titel wie Tradition? Stagnation? Innovation? Bei den Auto-ren läuft die Untersuchung allerdings in die konträre Richtung, so als ob es in die-sem Mittelalter keine überlieferten Ordnungen" oder soziale Normen gegebenhätte. Man will vielmehr statt dessen das für die vorliegende Betrachtung grund-legende quellenkundliche Phänomen bewußt machen: die Konzentration derÜberlieferung auf das Nicht- Alltägliche, welche, als Ausdruck standesspezifischenBewußtseins verstanden, materielle wie soziale Wertvorstellungen des spätmittel-alterlichen Adels aufs deutlichste(!) zum Ausdruck bringt( S. 71). Wie auchsonst öfter verzichtet man hier erstaunlicherweise auf längst bekannte Erkenntnis-se der Volkskunde und namentlich der historischen Sachforschung, die manchesFragezeichen tilgen würden. Die Einbindung gerade des Adels in die mittelalterli-che Volkskultur" hat beispielsweise Leopold Schmidt an der Bildkunst des Mit-telalters nachdrücklich aufgezeigt. Die Auswertung von Inventaren als Massen-quellen ist gerade in der volkskundlichen Sachforschung längst methodisch er-probt und weit fortgeschritten. Wenn um 1300 im Kleidungswesen entscheidendeModeneuerungen( Innovationen) durchschlagen, so ist das in der Kostümge-schichte und Trachtenforschung längst wohlbekannt, und man sollte hier vor al-lem auf Franz Kieners aristokratischen Modezirkel" hinweisen. Völlig

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